last update: 15.07.2021 17:49

Es geht aufwärts Mitte der 1950er... Zeit für die dicken Zigarren!

Im Dezember 1956 kann die Familie nach ziemlich genau 6 Jahren endlich die beengten Verhältnisses ihres "RoPa" verlassen und bezieht in Husby eine "richtige" Wohnung in der Flensburger Straße 30. Dies erfolgte mittlerweile nur noch zu dritt, denn der älteste Sohn Ildar hatte bereits seine militärische Laufbahn (wie der Vater so der Sohn) begonnen. Nun kam auch wieder das zwischenzeitlich irgendwo eingelagerte Mobilar aus der Berliner Zeit zum Einsatz. Der nun nicht mehr benötigte Wohnwagen wurde verkauft, oder zumindest abgegeben und fristete noch eine ganze Zeit sein Dasein als Kiosk-Anbau an der Straße von Flensburg nach Krusau direkt in Grenznähe zu Dänemark.
Husby, Flensburger Straße 30
Oktober 1957
Über die Aktivitäten Wilhelms in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ist eigentlich wenig bekannt. Er war mittlerweile 70 Jahre alt und zog sich wahrscheinlich zunehmend aus der "Tagespolitik" zurück. Nur einmal noch tauchte er in die Welt der Geheimdienste ein. Dies vielleicht sogar unbewusst, denn entsprechende Zusammenhänge wurden erst vor einigen Jahren aufgedeckt.

Mitten im Kalten Krieg versuchten US-Amerikaner auf der einen und bundesdeutsche Organisationen auf der anderen Seite, die nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik gestrandeten Muslime für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Das hatte zumindest für Deutschland seit Kriegszeiten schon Tradition, denn auch damals versuchte man den dem Islam immanenten Antibolschewismus zur Destabilisierung der Sowjetunion zu nutzen. Prinzipiell setzten einige "Ost-Experten" der NS-Zeit (von Mende, Oberländer) einfach nur ihre Arbeit fort. Nunmehr unter der Ägide der jungen Bundesrepublik. Erste Aufgabe war es, die versprengten Muslime, die sich stark im Raum München konzentrierten, irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Dazu wollte man den, aus den unterschiedlichsten Völkern stammenden, Muslimen ein geistliches Oberhaupt präsentieren. Man hoffte, über die religiöse Schiene einen gemeinsamen Nenner für die doch recht verschiedenen und teilweise stark nationalistischen Muslime zu finden.
Der gleiche Plan wurde von den Amerikanern und von den Deutschen verfolgt. Jedoch mit unterschiedlichen Kandidaten für die Rolle des zu kürenden Haupt-Imams für Deutschland. Während der amerikanische Geheimdienst bislang keine große Erfahrung im Umgang und der Instrumentalisierung von Menschen muslimischen Glaubens hatten und damit eher herum lavierten, konnten die deutschen Stellen auf alte Bekannte zurückgreifen.
Sie erkoren Nurredin Nakib Chodscha, der sich mitlerweile Namangani (nach seiner Geburtsstadt) nannte, den ehemaligen Haupt-Imam des Osttürkischen Waffenverbandes der SS zu ihrer Nummer 1. Namangani war 2 Jahre lang als amerikanischer Kriegsgefangener in Italien interniert und entging der Zwangsrepatriierung in die Sowjetunion. Nach seiner Entlassung zog es ihn wie so viele seiner Landsleute nach München. 1950 ging er jedoch in die Türkei um dort sein theologisches Hochschulstudium abzuschliessen. Von dort kam er 1956 als türkischer Staatsbürger und mit neuem Namen zurück nach Deutschland und alte Seilschaften wurden revitalisiert.
Da viele der in Deutschland lebenden Muslime Namangani noch aus Kriegszeiten kannten, sah der deutsche Geheimdienst in ihm die passende Führungsperson um das Ziel zu erreichen, die Muslime irgendwie zu organisieren und sie über ihr geistliches Oberhaupt zu kontrollieren und zu steuern. Am 17. April wurde im Bonner Vertriebenenministerium folgender Plan geschmiedet:

Herr Namangani erhält den Auftrag zunächst einmal die mohammedanischen heimatlosen Ausländer und nichtdeutschen Flüchtlinge als religiöse Gemeinde um sich zu sammeln, um dann erst einmal den unliebsamen amerikanischen Einfluß, der der Bundesrepublik schädlich werden kann, auszuschalten und evtl. auch später die Mohammedaner fremder Staatsangehörigkeit in seine religiöse Gemeinde herein zu bekommen.

Namangani sollte bereits am 2. Mai 1957, dem Tag des traditionellen Ramadan-Festessens im Deutschen Museum auf der Münchner Isarinsel, per Akklamation in sein Amt eingeführt werden. Dies ging jedoch gehörig schief, da es eine Reihe von Gegenspielern gab, die zum Teil von den Amerikanern finanziert wurden. Im Herbst 1957 gab es einen zweiten Anlauf, Namangani als Hauptimam zu installieren. Mittlerweile hatte dieser das Vertrauen von vier sogenannten Nationalkomitees nichtrussischer Sowjetvölker gewonnen, die ihn danach als ihren Hauptimam anerkannten. Namangani wurde mit zwei Schreiben des zuständigen Bundesvertriebenenministeriums ausgestattet, die ihn nun auch offiziell zum "Hauptimam für die mohammedanischen Flüchtlinge" erklärten.
Namanganis Kontrahenten konnten sich mit dieser Entwicklung natürlich nicht zufrieden geben. Deshalb trafen am 4. Februar 1958 in München Muslimflüchtlinge aus der Sowjetunion mit Namangani zusammen und man vereinbarte binnen 30 Tagen einen Kongress der in der Bundesrepublik wohnhaften Moslemflüchtlinge aus der UdSSR einzuberufen um auf diesem ein für alle Male die Stelle des Hauptimams zu besetzen.

Und an dieser Stelle kam plötzlich auch wieder Wilhelm Harun-el-Raschid Bey ins Bild. Namangani war ihm natürlich kein Unbekannter, hatte dieser doch einige Monate unter ihm gedient. Es ist unklar, ob Namangani initial den Kontakt zu Wilhelm gesucht hatte. Angeblich besuchte dieser ihn in Husby. Einen Beweis hierfür gibt es nicht. Jedenfalls machte Wilhelm das, was er am besten konnte... einen Brief schreiben!
Adressat war der damalige Bundespräsident Theodor Heuss, dem Wilhelm erklärte, daß Namangani ein wahrhaft treuer Freund Deutschlands sei, dessen Liebe für Deutschland ihn nach seinem Islamstudium in der Türkei zurückgebracht habe.
Es fehlt für die Muslime in Deutschland, MÜNCHEN, eine von politischer Bindung freie MOSCHEE MIT ANGESCHLOSSENER KLEINER SCHULE (zugleich VERSAMMLUNGSRAUM) für den religiösen und sprachlichen Unterricht ... Den Muslimen aber - im Gegensatz zur Lage in anderen Westländern wie England, Frankreich und Italien - FEHLT die würdige religiöse und kulturelle Zentrale in Deutschland, in DEUTSCHLAND, in dem sie noch immer einen treuen und selbstlosen Freund des ISLAM sehen.
Wäre es nicht ein IDEALER, zugleich - so sage ich als Deutscher - ein POLITISCH KLUGER Akt deutscherseits, diesen getreuen Freunden in DEUTSCHLAND eine solche Stätte zu geben? Ich zweifle nicht daran, dass die Länder des muslimischen Orients dies als Zeichen deutscher ISLAM-FREUNDSCHAFT hoch anrechnen würden.
1958
Der Brief vom 18. Februar 1958 wurde oben nur auszugsweise wiedergegeben (vollständiges Original liegt mir nicht vor, Zitate stammen aus dem Buch "Die vierte Moschee" von Ian Johnson (2010)), ist in typischem "Wilhelm-Duktus" gehalten und spielt inhaltlich weniger auf die Installation Namanganis an. Wenigstens kommt dies in den vorliegenden Bruchstücken nicht zum Ausdruck. Stattdessen unterstützt Wilhelm darin den Plan vom Bau einer Moschee in München. Die Idee dazu, die letztlich auch in die Tat umgesetzt wurde, stammte nicht von Namangani selbst. Das Vorhandensein eines "zentral gelegenen Gebetsraumes für Mohammedaner" wurde vielmehr von Bonner Beamten im Rahmen von politischen Analysen für gut befunden und Namangani "untergeschoben". Aus dem ursprünglich angedachten Gebetsraum wurde schließlich die Freimann-Moschee, dessen Errichtung Wilhelm jedoch nicht mehr erleben sollte.
Welchen Einfluß Wilhelms Brief an Heuss hatte und ob letzterer sich überhaupt angesprochen fühlte ist nicht bekannt. Es gibt darüber hinaus auch keine Informationen, die Wilhelm in Verbindung mit den Muslimen in München, den am 9. März 1958 gegründeten Verein "Geistliche Verwaltung der Muslimflüchtlinge in der BRD e.V." unter Vorsitz Namanganis oder die im März 1960 in München gegründete "Moscheebau-Kommission" bringen.

Nureddin Namangani ist in dieser kurzen Film-Sequenz zu sehen
Aber auch in Senftenberg blieb die Zeit nicht stehen...
Hanni feierte im November 1958 nun schon ihren 60. Geburtstag. Und in ihrem Leben hatte mittlerweile ein neuer Mann Platz gefunden... Schulrat Dr. Fritz Gülland, Lehrer am Senftenberger Gymnasium.
Offiziell "machte sie ihm den Haushalt", wie man damals so schön sagte. Inoffiziell waren die beiden aber wohl doch ein Paar. Versuchte man dies in Senftenberg irgendwie geheim zu halten, bestand gegenüber der Familie ihres Bruders Wilhelm darüber kein Versteckspiel.
Hannis angetrauter Ehemann Georg Vogel war entweder mittlerweile tatsächlich tot oder für die Familie "war er gestorben".

Johanna Vogel und Dr. Fritz Gülland
(Senftenberg 1960)
1956
Ein ähnliches Bild wie das aus Senftenberg existiert auch aus Husby. Hier jedoch aus Anlaß eines ziemlich konkreten Ereignisses: Am 3. Mai 1960 feiern Milly und Wilhelm ihre Silberhochzeit.

Fast genau auf den Tag ein Jahr später erklären die beiden das Kapitel Husby für beendet. Nach 15 bzw. 13 Jahren in dem kleinen Ort nahe der dänischen Grenze wechseln die beiden noch einmal den Wohnort. Es geht in das 170 km südlicher gelegene Lübeck, wo man eine Wohnung in der Hebbelstraße 32 bezieht.

Hier verbringt man einerseits ein eher zurückgezogenes Leben, andererseits bedient man auch das Klischee vom bundesdeutschen Wirtschaftswunder... man brettert beispielsweise mit der ganzen Familie im eigenen PKW in den Sommern 1961 und 1962 bis nach Italien runter.

Silberhochzeit
3. Mai 1960 (Husby)
Über die nunmehr abgeschlossene Zeit in Husby enthält die "Chronik des Kirchspiels Husby" sogar einen längeren Eintrag (bezogen auf das Mietverhältnis in der Flensburger Straße 30), der mit vielen richtigen Informationen, aber eben auch wieder einigen Fehlern bzw. Ungenauigkeiten aufwartet. Erstaunlich ist, daß derartige Daten überhaupt abgedruckt wurden...

1961
Im Januar 1947, kurz vor seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, wurde Wilhelm vom dortigen Lagerarzt eine Arterieosklerose mit Hypertension und Coronarsklerose, sowie eine chronisch fortschreitende Spondylosis deformans der Lendenwirbelsäule mit wiederholten schweren Anfällen von Wurzelischias bescheinigt. Da der Arzt eine wesentliche Verschlechterung Wilhelms Zustand in den Einwirkungen des Krieges und der Internierung begründet sah, kann man eventuell davon ausgehen, dass das Gutachten teilweise seine Entlassung 3 Monate später etwas beschleunigte.

Spätestens um den Jahreswechel 1962/63 verschlechterte sich Wilhelm Gesundheit merklich. Er wird von starken Schmerzen geplagt, schreibt selbst von "üblen Attacken", fühlt sich gleichzeitig "scheusslich schlapp und matt". In den Folgewochen gibt es ein Auf und Ab. Perioden von relativer Schmerzfreiheit wechseln sich mit Zeiten ab, in denen Wilhelm über "Schmerzen über der Brust und zwischen den Schulterblättern" klagt. Wilhelm beschreibt sein Leiden mit "Beengung vom Rücken her im Brustkörper mit dem komischen Schmerz, halb wie Rheuma, halb Brennschmerz".
Am 7. Februar 1963 wird er mit Blaulicht in ein Lübecker Krankenhaus eingeliefert, welches er acht Tage später wieder verlässt...

Am 29. März 1963, um 10 Uhr 47 schlief Wilhelm für immer ein.

Einen Tag später wird sein Leichnam eingesargt und zum Vorwerker Friedhof im Norden Lübecks gebracht. Hier findet am 4. April 1963 in der Haupthalle des Krematoriums die Trauerfeier mit militärischen Ehren statt. Die 4 Angehörigen des Bundesgrenzschutz flankierten mutmaßlich auf Betreiben Ildars den Sarg seines Vaters. Ildar war 1963 Offizier beim BGS.

Nach der Einäscherung erfolgte am 11. April 1963 die Urnenbeisetzung.

Es ist nicht überliefert, ob Johanna wenigstens zur Beerdigung ihres Bruders "in den Westen" reiste.
Sie selbst verbrachte die folgenden Jahre bis zu ihrem eigenen Tod weiterhin zurückgezogen in dem Haus in der Senftenberger Elsterstraße 2. Bekannte erledigten diverse Besorgungen für sie.

Johanna Vogel starb am 29. Mai 1976 im Krankenhaus Senftenberg.

Ihre letzte Ruhestätte fand sie neben ihrem Bruder Robert, den sie nie kennengelernt hatte, ihren Eltern und den Großeltern Oertel auf dem Alten Friedhof in Senftenberg. Einen Grabstein findet man heute nicht mehr.
Wahrscheinlich gab es nie einen, denn mit ihr starb das letzte Mitglied der Familie Hintersatz in Senftenberg. Um die Beerdigung kümmerten sich wiederum Bekannte aus Senftenberg.

Dieselben wickelten auch den Nachlaß der Verstorbenen ab. Da Hanni keine Nachkommen hatte, fiel das Erbe per Testament bzw. durch gesetzliche Erbfolge an ihre beiden Neffen Ildar und Torgut.
Beide Neffen wie auch ihre Mutter Milly liessen Anfang 1976 ihren Familiennamen amtlicherseits übrigens auf Harun einkürzen.
Das Haus in der Elsterstraße 2 wurde im Mai 1977 verkauft, da die zwei Erben, in Westdeutschland lebend, mit der DDR-Immobilie nichts weiter anfangen konnten.

1970