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Asmara (Januar 1936)
Eintreffen in Asmara: 4. Januar 1936, 20:30.
Asmara, die Hauptstadt Eritreas, gewann spätestens ab 1932 als Zentrum des italienischen Aufmarschgebietes für den Italienisch-Äthiopischen Krieg stark an Bedeutung und erlebte vor allem durch Zuwanderung aus Italien ein rasantes Wachstum; die Bevölkerung verfünffachte sich auf knapp 100.000 Einwohner, davon mehr als die Hälfte Italiener.
Hier befanden sich Milly und Wilhelm also nicht mehr "hinter dem Feinde" sondern auf italienisch kontrolliertem Gebiet. Womit sie sich dort den gesamten Januar konkret beschäftigten, ist unbekannt.
Wilhelm reiste in dieser Zeit größtenteils ohne seine zwischenzeitlich schwangere Milly nach Keren, Mek'ele, Aksum, Adua und Assab.

Am 10. Februar setzte sich die Reisegesellschaft mit dem Auto in Richtung Heimat in Bewegung. Massaua erreichte man binnen eines Tages und am 11. Februar hieß es "Leinen los!"

Mit dem italienischen Dampfer "Victoria" durchquerte man in den nächsten Tagen den Suez-Kanal, lief Port Said und Neapel an, um am 17. Februar im Hafen von Genua schlussendlich wieder von Bord zu gehen.

SS "Victoria" (11. - 17. Februar 1936)

Von Genua ging es mit dem Auto via Mailand, Verona und München wieder nach Hause. Am 20. Februar 1936 - nach über 8 Monaten in der Fremde - waren Milly und Wilhelm wieder daheim in Berlin.

Gerade noch rechtzeitig, um alles für die Geburt des ersten Kindes vorzubereiten...

Am 11. März 1936 bringt Milly in Berlin einen Sohn zur Welt. Die stolzen Eltern geben ihm den Namen Ildar Wilfried. Der Junge ist der einzige Enkel, den Großvater Hintersatz kennen lernen wird. Dazu ist schon im Juli in Senftenberg Gelegenheit...

Senftenberg (Juli 1936)
Ildar mit seinen Großeltern Hintersatz und Tante Hanni.
Der stolze Vater ist auch dabei.
Auch im nächsten Jahr besucht Ildar mit seinen Eltern Oma und Opa in Senftenberg (Mai 1937)
Louise und Wilhelm Hintersatz sieht man ihr hohes Alter nun schon sehr stark an. Louise steht in ihrem 79. Lebensjahr und Wilhelm senior ist bereits 81. Für die damalige Zeit eine eher selten lange Lebenszeit.

Oberpfarrer a.D.
Wilhelm Hintersatz
(7. September 1936)
Am 23. August 1937 stirbt Oberpfarrer a.D. Wilhelm Hintersatz in Senftenberg. Der "Senftenberger Anzeiger" berichtet über die Umstände und lässt nochmals kurz das Leben des Verstorbenen Revue passieren.

Ein umfangreicherer Nachruf auf den Toten in schriftlicher Form ist bislang nicht bekannt. Auch nicht aus Kreisen der evangelischen Kirche Senftenbergs...

Eines der letzten Fotos (27. Mai 1937)

Der Anzeige oben ist zu entnehmen, daß die Trauerfeier drei Tage nach dem Tod des ehemaligen Oberpfarrers stattfand. Dies geschah, sicher auch hinsichtlich der Bedeutung des Verblichenen für selbige, in der Deutschen Kirche zu Senftenberg.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß die beiden folgenden Fotos den Sarg mit dem Leichnam Wilhelm Hintersatz' zeigen.

Auszug aus dem Kirchenbuch der Deutschen Kirche zu Senftenberg (Bestattungen 1906 - 1945)

Womit Wilhelm junior in der Zeit nach seiner Rückkehr aus Nordafrika Geld verdiente, fasste er selbst folgendermaßen zusammen:

Nach meiner Rückkehr aus Afrika habe ich meine alte Tätigkeit in freiem Beruf wieder aufgenommen.

Anhand von Fotos, die diverse Familienurlaube illustrieren, kann man davon ausgehen, daß es Familie Harun-el-Raschid dabei nicht schlecht ging. Es gilt als sicher, daß Wilhelm mit seiner Bemerkung über nicht unerheblichen Grundbesitz in Berlin nicht übertrieben hatte. Er war tatsächlich Eigentümer eines Eckhauses an der Ecke Neue Königstraße/Barnimstraße knapp 1 km nordöstlich des Alexanderplatzes, welches er gewinnbringend vermietete.
Außerdem erhielt er seit seinem Ausscheiden aus dem aktiven Wehrdienst 1919 eine wie auch immer geartete Pension, die man auch nicht vernachlässigen sollte.

Neue Königstraße 85/Barnimstraße 27/28 in Berlin
Eigentümer: Wilhelm Harun-el-Raschid Bey
1937

Fahrzeugtechnisch hatte er sich jedenfalls verkleinert. Wovon er jedoch nicht lassen konnte: die Standarte, das türkisches Fähnchen, musste sein!
Sein neuester Wagen war ein "Standard Superior", eine Art VW-Käfer-Vorläufer, der damals schon als "Volkswagen" beworben wurde.

Im übrigen habe ich mich dem Aufbau meiner Familie, die aus meiner treuen Lebenskameradin und zwei gesunden Jungens besteht, gewidmet.

Am 22. August 1940 wird Milly von einem zweiten Jungen entbunden. Er erhält den Namen Teja Torgut.

Die Standesbeamten sind mit dem Vornamen leicht überfordert und verwenden den falschen Vordruckstempel...

Die Nachricht von der Ankunft ihres zweiten Enkels wird Louise Hintersatz in Senftenberg noch erreicht haben. Ob sie den kleinen Torgut noch einmal im Arm hielt, ist fraglich...
Einen Monat später und kurz nach ihrem 83. Geburtstag verstarb Louise am 21. September 1940 in Senftenberg. Aus der Todesanzeige geht hervor, daß sie wohl schon längere Zeit gesundheitliche Probleme hatte, was aber in diesem hohen Alter nicht verwunderlich ist.

Mutter und Sohn am 5. September 1939
82. Geburtstag Louises, ein Jahr vor ihrem Tod
Senftenberger Anzeiger (September 1940)

Louise wohnte nach dem Tode ihres Mannes nur noch kurze Zeit in der Adolf-Hitler-Promenade 2. Im Herbst 1937 wechselte sie in die Senftenberger Bahnhofstraße 34a. Offenbar bot die Adresse neben der Anwaltskanzlei ihres Schwiegersohns auch noch einen (sicherlich begrenzten) Wohnraum. Nachdem sich Johanna und Georg Vogel in Senftenberg niederließen, indem sie Ende 1938 ein eigenes Haus in der Elsterstraße 2 bezogen hatten (umgezogen von Bergsdorf, einem Ortsteil von Zehdenick, nördlich von Berlin) folgte die Mutter natürlich dorthin und bewohnte den Rest ihres Lebens das obere Stockwerk jenes Hauses.
Senftenberger Anzeiger (November 1938)
Hanni vor dem Haus in der Senftenberger Elsterstraße 2
1939
Drei Jahre nach dem Tode ihres Mannes fand Louise ihre letzte Ruhestatt neben diesem. In direkter Nachbarschaft der Gräber ihrer Eltern und des bereits 47 Jahre zuvor verstorbenen Sohnes Robert.
Der gemeinsame Grabstein der Eheleute erhielt die letzten Gravuren.

Er ist noch heute (Oktober 2020) auf dem Alten Friedhof in Senftenberg zu finden.

21. April 1940

Auszug aus dem Kirchenbuch der Deutschen Kirche zu Senftenberg (Bestattungen 1906 - 1945)
April 1940
Senftenberger Anzeiger (2. Oktober 1940)

Neben dem Aufbau seiner Familie blieb Wilhelm noch genügend Zeit eine alte Leidenschaft wieder aufleben zu lassen...

Ich habe nebenher mich schriftstellerisch betätigt und das weit verbreitete Buch "Schwarz oder Weiß?" geschrieben.

aus: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel
(6. November 1940)
Das Geleitwort, das in obiger Annonce zitiert wird, gibt den Inhalt des Buches relativ gut wieder. Der Roman verherrlicht zum Teil Benito Mussolini bzw. dessen faschistische Bewegung und ist unterschwellig rassistisch (Der Titel allein gibt schon die Richtung vor). Was das Buch nicht ist: spannend.
Die Handlung ist eher dröge und man hat nach dem Umblättern einer Seite schon wieder vergessen, was man da gerade eigentlich gelesen hat. Zu allem Überfluß ist auch noch eine Liebesgeschichte eingeflochten.
Wer erwartet hat, daß Wilhelm in seinem Roman vielleicht seine heldenhaften Taten "hinter dem Feinde" (siehe weiter oben) verarbeiten würde, wird enttäuscht. Zwar tauchen einige Namen und Begebenheiten in der Handlung auf, die sich auf wahre Personen und Ereignisse beziehen, aber insgesamt dürfte das Buch eher fiktiven Charakter haben.

Der Roman, der (wahrscheinlich) im Mai 1940 im Berliner Verlag Joh. Kasper & Co. erschien, traf damals sicher den Zeitgeschmack, dürfte aber entgegen Wilhelms Behauptung nicht sehr weit verbreitet gewesen sein. Hierfür reichte auch die Auflagenhöhe von 5.000 Exemplaren gar nicht aus.

Vorankündigung des Buches im
Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel
(19. April 1940)
Die Arbeit an dem Roman hatte Wilhelm bereits Mitte 1937 weitestgehend abgeschlossen. Und damit nicht genug... Seit meiner Rückkehr (aus Abessinien) habe ich in einem umfangreichen Werk meine afrikanischen Erlebnisse und Erfahrungen niedergelegt und auf dem Buch-Manuskript auch ein Film-Manuskript aufgebaut.
Tatsächlich bemühte sich der Autor im Sommer 1937 um die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer oder wenigstens um sogenannte "Befreiungsscheine" für insgesamt 3 Positionen. Eines von beiden war zwingend erforderlich, um in jener Zeit öffentlich zu publizieren.

Der links abgebildeten Aktennotiz kann entnommen werden, daß der Roman, der später unter dem Titel "Schwarz oder Weiß?" und mit dem Sub-Titel "AD IMPERIUM ROMANUM VERSUS!" erschien, ursprünglich mit "Hie Abbissinia - Hie Italia" betitelt war. Der spätere Sub-Titel hingegen stellte zu diesem Zeitpunkt den Arbeitstitel oben erwähnten Filmmanuskriptes dar.
Um welche "12 kleineren Arbeiten" es sich unter Punkt 3 handelte, kann man nur mutmaßen. Möglicherweise handelte es sich um Texte, die knapp 20 Jahre später für eine Veröffentlichung exhumiert wurden.
Mit den entsprechenden Scheinen versehen, konnte nunmehr die zweite Stufe gezündet werden: Die Suche nach einem Produzenten bzw. Verleger.
Dabei dürfte das Filmprojekt zweifellos von Beginn an ein aussichtsloses Unterfangen gewesen sein. Aber auch die Suche nach einem Buchverlag war anscheinend ein langwieriger Prozess und zog sich bis in das Jahr 1939 hinein. Es ist ungewiß, ob Wilhelm letztlich Mitglied der Reichsschrifttumskammer war. Durch Erteilung besagter "Befreiungsscheine", also der Befreiung von der Mitgliedschaft in der Kammer, um die beantragten Werke zu publizieren, wäre das eigentlich nicht notwendig gewesen. Einen Antrag um Aufnahme in die Kammer stellte er vorsorglich am 1. Juli 1937 mit der Bitte meine Aufnahme nach Möglichkeit zu beschleunigen, da mir andernfalls der Rücktritt eines Verlages von Annahme eines meiner Werke droht. Ein Bluff oder hatte er tatsächlich schon einen Verlag an der Angel?
Die in diesem Zusammenhang stehenden und noch erhaltenen Dokumente (Antragsformular, Fragebogen, Auszug aus dem Strafregister, Lebenslauf, Abstammungsnachweis) beinhalten darüberhinaus das eine oder andere interessante Detail. Beispielsweise der Abschnitt "Rundfunk" des Fragebogens...

Neben der unter 1. vermerkten Rundfunksendung zum Thema "polit. u. militärische Bedeutung des Dardanellen-Krieges", sprich: der Liman von Sanders-Vortrag, an dessen zeitliche und technische Begleitumstände Wilhelm sich korrekt erinnert, wurde ein zweiter Eintrag gemacht, der aktuell Fragen aufwirft...

"Heil Hitler!" SA- und SS-Marschlied in der Vertonung von E. Grubann gespielt und auf Schallplatte aufgenommen. Zeit und Sender weiß ich nicht mehr.

Leider ist die Anlage, auf die verwiesen wird, heute nicht mehr erhalten und so ist unklar, worum es sich ganz konkret handelte. Mutmaßlich schrieb Wilhelm einen Liedtext mit dem Titel "Heil Hitler!", welcher danach von Edmund Grubann (Mitherausgeber des "Senftenberger Anzeiger" und damals zumindest in Senftenberg als Hobby-Komponist und Freizeit-Dirigent bekannt) vertont wurde. Melodie und Text des Marschliedes sind derzeit unbekannt und ließen sich nur ermitteln, wenn man die erwähnte Schallplattenaufnahme hören würde. Insofern diese Angabe überhaupt der Wahrheit entspricht und die Platte noch existieren würde.

Mittlerweile schreibt man 1939 und die geplante Buchveröffentlichung lässt noch immer auf sich warten. Doch dann kommt plötzlich wieder Bewegung in die Angelegenheit denn Wilhelm hatte nunmehr mit dem Berliner Verlag Joh. Kasper & Co. scheinbar einen Verlag für sein Werk gefunden. Die in dem Roman angerissene Thematik rief zu diesem Zeitpunkt aber unerwartete(?) Stellen auf den Plan...

Auf Ihre Anfrage wird Ihnen mitgeteilt, dass die unter die den Verlagen in den "Vertraulichen Mitteilungen" bekanntgegebene Aufforderung des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, betreffend vorherige Prüfung bestimmter Bücher vor Erscheinen während der Kriegszeit, auch das Werk Harun-El-Raschid Bey "Schwarz oder Weiss?" fällt, da dieses zweifellos einen aussenpolitischen Charakter hat.
Daher müssen Sie das Manuskript bezw. den Bürstenabzug der Schrifttumsabteilung beim Reichsministerium für für Volksaufklärung und Propaganda vorlegen. Ein etwaiger Veröffentlichungspassus im Verlagsvertrag wird durch diese Notwendigkeit selbstverständlich bis zum Bescheid des Reichsministeriums ausgesetzt, da Ihnen nicht zugemutet werden kann, dass Sie ein unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht erwünschtes Werk veröffentlichen.
Mit dem links wiedergegebenen Schreiben aus dem Hause Goebbels' informierte man den Verlag, daß man zunächst den Roman unter die Lupe nehmen müsste und eine Veröffentlichung von einem positiven Bescheid des Reichsministeriums abhängig sei.
Etwas, das in der Nachricht nicht steht, was aber getan wurde: man durchleuchtete auch den Autor gründlich. Die Geheime Staatspolizei (GESTAPO) lieferte hierzu diese Beurteilung:
... nicht günstig beurteilt ... Bedenken charakterlicher Art, Ordensschwindel, ... in steuerlicher Hinsicht nicht einwandfrei ... die Einschätzung Wilhelms durch die GESTAPO ist alles andere als positiv zu nennen. Interessant ist die Beurteilung seines Übertritts zum Islam, die sich, nach allem, was wir mittlerweile über seine Persönlichkeit in Erfahrung gebracht haben, mit meiner eigenen Einschätzung stark deckt. Der Verweis auf eine mutmaßliche Beteiligung bei Ordensschwindel, lässt einige von Wilhelms Dekorationen, besonders die in sehr kurzer Abfolge erhaltenen russischen Orden, in einem neuen Licht erscheinen. Wilhelms Verfehlungen in steuerlicher Hinsicht entsprechen übrigens der Wahrheit. In einer Unterwerfungsverhandlung, die am 29. April 1936 vor dem Landgericht Cottbus stattfand, verurteilte man ihn wegen Steuerhinterziehung im Jahre 1935 zu einer Geldstrafe von 6.000 RM. Wilhelm galt ab diesem Zeitpunkt als vorbestraft.

Trotz der zu großen Teilen negativen Einschätzung Wilhelms, stellte die Reichsschrifttumskammer in einem Schreiben vom 8. Januar 1940 fest, daß man nicht umhin könne, Harun el Raschid den Befreiungsschein zu erteilen. Ich sehe auch in dem neuerlichen Gutachten der Geheimen Staatspolizei keine Gründe, ein Verfahren gemäss § 10 durchzuführen. Schliesslich kann es uns gleichgültig sein, ob Hintersatz beim Propheten schwört oder an Buddha glaubt. Vorwürfe irgendwelcher Art sind nicht erwiesen. ...

Damit stand der Veröffentlichung von "Schwarz oder Weiß?" aus behördlicher Sicht nichts mehr im Weg. Wobei man hinzufügen muß, daß es noch weiteren Schriftverkehr in der Sache gab, der mit Januar 1941 datiert ist, und in dem erneut von "schweren Bedenken gegen Harun el Raschid" und "gewisse im Interesse der Landesverteidigung liegende Fragen" die Rede ist. Geht man davon aus, daß der Roman (wie ein anderes Dokument nahe legt) im Mai 1940 erschien, dann beschäftigten sich bestimmte Stellen auch noch im Nachhinein mit dieser Angelegenheit.

Als der neue Krieg begann, habe ich mich freiwillig zur Panzertruppe gemeldet. Ich bin aber nicht einberufen worden, erhielt vielmehr den Antrag, den Sicherheits- und Ermittlungsdienst für die inzwischen dem Reichsministerium für Rüstungs- und Kriegsproduktion unmittelbar unterstellte Reichsgesellschaft ROGES zu übernehmen.
Zu meiner Aufgabe trat sehr bald auch hinzu die Leitung des Luftschutzdienstes sowie die Leitung der Zentralrevision und einer Reihe weiterer Abteilungen.

Die Aufnahme der Beschäftigung bei der ROGES erfolgte offiziell mit dem 1. April 1941.

Luftschutz-Propaganda
Wilhelm mit seiner Luftschutztruppe bei der ROGES (16. Mai 1941)
Während Wilhelm mit aller Macht wieder in die kämpfende Truppe aufgenommen werden wollte und dabei zunächst scheiterte, erging es seinem Schwager Georg Vogel wie so vielen anderen deutschen Männern: er wurde eingezogen. Wann genau dies passierte ist unbekannt. Doch bereits im Februar 1942 hatte man für ihn beim Militär offenbar nicht mehr die allernötigste Verwendung und kommandierte ihn stattdessen zur Wahrnehmung anwaltlicher/notarieller Arbeiten in die Heimat ab.
Senftenberger Anzeiger (Februar 1942)
Als die ROGES mit den anderen Reichsgesellschaften des Ministeriums örtlich vereint wurde, übernahm ich die sicherheitsmäßigen Aufgaben für alle Gesellschaften des Rüstungsministeriums.

In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 verliert Familie Harun-el-Raschid in Berlin ihr Heim. Grund: "Terrorangriff", also die Bombardierung der damaligen Reichshaupstadt durch alliierte Bomber.

Auf Berlin wurden durch alliierte Bomberverbände von 1940 bis zum Ende des Krieges insgesamt 310 Luftangriffe geflogen. Einer der schwersten Angriffe traf Berlin-Lankwitz in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943, in die Geschichte als Lankwitzer Bombennacht eingegangen. Einem Bericht der Royal Air Force ist zu entnehmen, dass der Verband um 20.20 Uhr mit 727 Flugzeugen, darunter 335 Avro Lancaster-Bomber, in Wyton, Cambridgeshire, startete. Der Führungsbomberpilot war J. E. Fauquier. Als der Pulk den Raum Hannover erreicht hatte, wurde von deutscher Seite das Ziel Berlin vermutet. In der Stadt sowie in der Umgebung warnten alsbald die durch Mark und Bein dringenden Sirenen vor den bevorstehenden Angriffen. Unverzüglich hatte sich die Bevölkerung des in Betracht kommenden Bereiches in die eigens dafür hergerichteten Luftschutzräume zu begeben...
ROhstoffhandelsGESellschaft mbH
März 1942
Berlin-Lankwitz, wo die Familie mittlerweile in der Mühlenstraße wohnte (man war im Oktober 1942 dorthin aus der Kaiser-Wilhelm-Straße 43 umgezogen), wurde in dieser Nacht zu 85 Prozent zerstört. In welcher Schwere Wilhelm und seine Familie von dieser Zerstörung selbst betroffen waren, bleibt ungewiss. Möglicherweise waren die 4 überhaupt nicht in der Stadt denn das nebenstehende Foto, das Milly, Torgut, Wilhelm und Ildar bei Millys Eltern in Fürstenberg zeigt, ist mit 22. August 43 datiert.

Und nach Fürstenberg, in den Uferweg 7, verschlug es nach besagter Bombennacht auch Milly, Wilhelm und die beiden Jungs...

Fürstenberg (22. August 1943)

... plus (scheinbar) eine Hausangestellte. So zumindest könnte man die Eintragungen in links abgebildetem "Haushalts-Paß" deuten.

Inwieweit die ziemlich oppulente Sammlung Wilhelms an Waffen und sonstigen militärischen Souvenirs zum Zeitpunkt des Umzugs nach Fürstenberg noch bestand ist unklar. Sicher ist, daß einige Einrichtungsgegenstände bis heute existieren.

Ansichten von Wilhelms Sammlung an Militär-Memorabilia und Waffen.
Auf dem 2. Foto von links kann man übrigens das kleine türkische Fähnchen erkennen,
welches bereits an einigen seiner Autos zu sehen war.
Von Anbeginn an hat mich mein Interesse an den politischen und militärischen Vorgängen nicht los gelassen. Ich habe umfangreiche und tiefgehende Ausarbeitungen zu den Problemen im Orient, im indischen Raum und auch im Osten dem Auswärtigen Amt und anderen Stellen vorgelegt. Sie sind "versandet", bis ich dem Reichssicherheitshauptamt zugeführt wurde und dort endlich Anklang fand.

Ich war befaßt mit den Zielungen in der Türkei, zu der mir auch heute noch einflußreiche Verbindungen bis zu den höchstmaßgeblichen Personen zur Verfügung stehen.

Ich habe vor geraumer Zeit bereits eine Ausführung übergeben, die eindeutig die Fehler skizzierte, die in der osttürkischen Frage durch das Ostministerium begangen worden sind. Ich habe von Anbeginn an die Fortsetzung der bolschewistischen Tendenz einer Spaltung der osttürkischen Stämme kritisiert, weil ich darin die Feindseligkeiten innerhalb des Komplexes und für die Hoffnung der Errichtung eines späteren antislawischen Blocks eine durch eigene Schuld herbeigeführte Schwächung der wirtschaftlichen wie nationalen und militärischen Kraft ebenso des Osttürkentums zum Schaden Deutschlands erblickte.

Ich darf hier daran erinnern, daß ich selbst auch die Erfassung der mohamedanischen Kräfte des Balkans propagiert habe.

Aus alldem hat sich schließlich mein Einsatz als Verbindungsführer zwischen Reichssicherheitshauptamt und Seiner Eminenz dem Großmufti ergeben, dem ich ebenso wie dem ägyptischen Prinzen Mansur Daoud engst nahestehe.

Ein Urteil, ob und wie ich dem durch das Reichssicherheitshauptamt gesetzten Vertrauen gerecht geworden bin, darf ich der einschlägigen Stelle des RSHA überlassen.

Unklar ist, über welchen Zeitraum Wilhelm oben schreibt. Fakt ist, daß sich die entscheidenden Stellen in Berlin spätestens seit 1941, als deutsche Soldaten in Nordafrika gelandet waren und in Richtung Nahost vorrückten, systematische Gedanken machten, wie man die islamische Bevölkerung beeinflußen und für die eigenen Ziele einbinden und ausnützen könne. Insofern hätte Wilhelm Harun-el-Raschid Bey dort offene Türen eingerannt.

Dr. Reiner Olzscha, SS-Hauptsturmführer in der allgemeinen Freiwilligen-Leitstelle des SS-Hauptamtes und verantwortlich für die Organisation des neu einzurichtenden "Osttürkenkorps", war 1944 auf der Suche nach einem geeigneten Kommandeur. Dieser sollte einschlägige Erfahrungen mit muslimischen Soldaten vorweisen können. Von den zwei geeigneten Kandidaten war einer Harun-el-Raschid, der zum damaligen Zeitpunkt knapp 58 Jahre alt war.

März 1944

Olzscha ging im Mai 1944 aktiv auf Harun-el-Raschid zu:
"Ich habe Ihnen einen sehr konkreten Vorschlag zu machen, der vor allem auch die Stellung berücksichtigt, die Sie als Mohamedaner und ehemaliger Offizier besonders hervorhebt."

Wilhelm, der, wie er selbst berichtete, schon zu Beginn des Krieges Ambitionen hegte, wieder aktiv in das miltärische Geschehen einzugreifen, jedoch wahrscheinlich wegen seines Alters zunächst zurückgestellt wurde, nahm Olzschas Angebot, sicherlich nachdem eine Konkretisierung der in nebenstehenden Schreiben vage angedeuteten Aufgabe erfolgte, relativ schnell an:

Schreiben Dr. Olzscha an Harun-el-Raschid Bey
Mit Schreiben vom 5. Juni 1944 informierte er Olzscha: Zu meiner besonderen Freude darf ich Ihnen mitteilen, daß Grm., so sehr er auch den Verlust seines engen persönlichen Zusammenhanges mit mir in diesem Falle bedauern würde, dies Projekt und meinen Einsatz dafür für außerordentlich wesentlich und die Idee seines Aufzuges für die einzig zweckmäßige hält.
Grm. hat darüber hinaus dafür mir seine aktive Hilfe in jeder etwa gewünschten Richtung fest zugesichert.
...

Auch der ägyptische Prinz Mansur Daut, Vetter des Königs, enger vertrauter Mitarbeiter Seiner Eminenz, der im allgemeinen unseren Besprechungen beiwohnt, teilt einerseits das Bedauern Grm.'s, meine unmittelbare Zusammenarbeit mit ihm gegebenenfalls verlieren zu sollen, andererseits die Überzeugung, daß die Idee der Aufstellung des Osttürkenkorps und meines Einsatzes für diese Aufgabe die allein richtige sei.
...

Ich sehe nunmehr der Weiterentwicklung mit voller Passion für die Sache entgegen...
Anmerkung: "Grm." = Großmufti

Zwei Tage später übersandte Wilhelm aussagefähige "Bewerbungsunterlagen" an Olzscha. Der darin enthaltene umfangreiche Lebenslauf endet mit:

Abschließend bekunde ich:

Ich glaube, für die mir nunmehr zugedachte Aufgabe militärisch in jeder Hinsicht das erforderliche Rüstzeug mitzubringen:

1.) Ich habe den vorigen Krieg in allen Formen und unter allen geographischen wie klimatischen Verhältnissen mitgemacht.

2.) Ich habe dann den Bandenkrieg unter den schwierigen Erscheinungen des afrikanischen Krieges sowohl auf der abessinischen wie auf der italienischen Seite praktisch kennengelernt.

3. Ich glaube, auch politisch die erforderliche Schulung mitzubringen.

4. In Verbindung damit sehe ich mein wesentliches Instrument in der Vereinigung meines Deutschtums und meiner in mohamedanischen Kreisen weithin bekannten Zugehörigkeit zum Islam, daraus folgernd dem Vertrauen, das von mohamedanischer Seite mir entgegengebracht wird, und der uneingeschränkten Hilfe in jeder Richtung, die ich seitens des Großmuftis zu erwarten habe.

5. Hierzu kommt schließlich, daß ich mit meinen Leuten in ihrer eigenen Sprache zu reden weiß.

Fürstenberg (Mecklenburg), 7. Juni 1944.
- Oberst Harun-el-Raschid wird mit dem Dienstgrad eines SS-Standartenführers vom SS-Hauptamt übernommen und mit der Aufstellung des Osttürkischen Korps beauftragt. SS-Standartenführer Harun-el-Raschid schlägt im Einvernehmen mit Obersturmführer Fürst die für die Aufstellung des Osttürkischen Korps erforderlichen deutschen, niederländischen und sonstigen Führer vor. Die Dienststelle des Osttürkischen Korps befindet sich im Aufstellungsraum, sie erhält ihre Weisungen von der Amtsgruppe D.
- SS-Standartenführer Harun-el-Raschid begibt sich sofort nach seiner Einberufung und Einstufung nach Kaposvar.
Die Passagen aus einem geheimen Befehl vom 22. Juli 1944 zeigen deutlich, daß man an höherer Stelle davon überzeugt war, mit Harun-el-Raschid den richtigen Führer für das Unterfangen, welches zu diesem Zeitpunkt noch "Osttürkische Korps" genannt wurde, gefunden zu haben. Als "Endziel" dieser Unternehmung wurde die Schaffung eines "Osttürkischen Korps" zur politischen und militärischen Sammlung aller turkstämmigen mohammedanischen antibolschewistischen Kräfte zum Zwecke der inneren Zersplitterung der Sowjet-Union postuliert.
Zu diesem Zeitpunkt ging man noch davon aus, daß man die Freiwilligen in Ungarn zusammenziehen und in Aufstellung bringen würde.
Mit entsprechendem Druck der verantwortlichen Stellen ging es in der für Wilhelm bekannten Geschwindigkeit rasch weiter...

Vom 2. und vom 9. August 1944 stammen zwei Schriftstücke, in welchen das SS-Personalhauptamt bittet um Freigabe des Majors a.D. Harun - el - Raschid - Bey für die Waffen-SS. Harun - el - Raschid - Bey soll auf Grund seiner türkischen Sprachkenntnisse und seiner engen Beziehungen zur islamischen Welt auf Befehl des Reichsführers-SS eine Sonderverwendung im Rahmen der Waffen-SS erhalten.
...
Es wird gebeten, die Überstellung von der Wehrmacht zur Waffen-SS zu veranlassen und nach erfolgter Freigabe durch das Amt B I des SS-Hauptamtes die sofortige Einberufung zur Personalstelle des SS-Hauptamtes durchführen zu lassen. ... Um vordringliche Bearbeitung wird gebeten.

Mit Wirkung vom 23. August 1944 bekam Wilhelm Harun-el-Raschid Bey die SS-Nummer 496 147 zugeteilt. Am gleichen Tag wurde er beim SS-Hauptamt als SS-Sturmbannführer (aktiv) eingestellt. Eine Woche später folgte der nächste Schritt: mit Wirkung vom 1. September 1944 zum Obersturmbannführer der Waffen-SS befördert.
Exakt einen Monat danach, am 1. Oktober 1944, steigt er nochmals eine Stufe nach oben: SS-Standartenführer.

In diesem militärischen Rang wird Standartenführer Harun-el-Raschid am 20. Oktober 1944 durch Himmler zum Kommandeur des Osttürkischen Waffenverbandes der SS ernannt...

Fürstenberg
(August 1944)
Die Ernennung war nicht viel mehr als eine Formalie. Denn bereits mit Wirkung des 1. Oktober 1944 befahl derselbe Reichsführer-SS, Heinrich Himmer, die Aufstellung des "Osttürkischen Waffenverbandes der SS". Das entsprechende Schriftstück liefert einige Details über das wo, wie und was und wartet zudem schon mit einem wer auf: Kommandeur Waffen-Standartenführer Harun-el-Raschid...
Eine nicht unbeträchtliche Zahl an Soldaten, ca. 800 Mann, die Bestandteil des neu aufzustellenden Osttürkischen Waffenverbandes werden sollten, war bis dahin als "Ostmuselmanisches SS-Regiment 1" organisiert und unterstand seit Juli 1944 taktisch dem SS-Sonderregiment Dirlewanger. Im Juli 1944 wurde das Ostmuselmanische Regiment aus dem Bereich des HSSPF Minsk, der durch den Zusammenbruch der deutschen Heeresgruppe Mitte ab 22. Juni 1944 Kampfgebiet wurde, zusammen mit dem SS-Sonderregiment Dirlewanger zunächst nach Lomza, dann nach Bialystock verlegt. Die geplante Verlegung nach Ungarn, wo die Einheit ab August 1944 im Raum Kaposvar weiter aufgestellt werden sollte, wurde durch den Einsatz des Regimentes im Rahmen des SS-Sonder-Regimentes Dirlewanger zur Niederschlagung des am 1. August 1944 ausgebrochenen Warschauer Aufstandes ab 5. August 1944 unterbrochen. Es ist unklar, in welchem Maße die muslimischen Legionäre bei den Kampfhandlungen in Warschau eingesetzt waren. Erste Erwähnung findet die Einheit im Zusammenhang mit dem Angriff auf die Altstadt, der sich zwischen vom 20. bis 27. August abspielte. Hier kämpften auch ca. 200 Aserbeidschaner auf Seiten der Deutschen. Anschließend folgte der Einsatz im Weichselviertel vom 3. – 10. September 1944, der Kampf um Mokotow vom 11. bis 23. September 1944 sowie der Kampf um Zoliborz vom 29. September bis 2. Oktober 1944.

Am 17. September reiste Harun-el-Raschid Bey nach Warschau. Dort nutzte er die Zeit (Rückkehr am 21. September), sich einen Überblick über dasjenige Personal zu verschaffen, aus dem er seinen Osttürkischen Waffenverband bilden sollte. Ein 8-seitiger Bericht seiner Beobachtungen, Einschätzungen und Pläne ging am 20. September an den Chef des SS Hauptamtes, SS-Obergruppenführer Berger.
Am 27. September machte sich der zukünftige Kommandeur auf den Weg in die West-Slowakei denn dort im Raum Myjava sollte der neue Verband aufgestellt werden. Die Truppe selbst war zu diesem Zeitpunkt scheinbar aber noch nicht aus dem Raum Warschau in Bewegung gesetzt worden, weshalb er sich zwischen dem 4. und dem 14. Oktober 1944 wieder an der "Heimatfront" aufhielt. Am 15. Oktober verlässt er seine Familie erneut mit Ziel Slowakei. Für den 16. Oktober avisierte er sein Eintreffen in Pressburg (Bratislava).


Das Ostmuselmanische Regiment Nr.1 traf bis zum 21. Oktober in Myjava ein und wurde sukzessive durch andere aus muslimischen Freiwilligen bestehende Truppenteile aufgestockt.
Hierbei wurden Bataillone nach völkischer Zusammensetzung gebildet. So bestanden nun neben dem Regimentsstab mit einer Stabs-Kompanie die drei Waffengruppen
  • Turkestan (Usbeken, Kasachen, Kirgisen, Tadjiken, Turkmenen)
  • Idel-Ural (Tataren, Baschkiren, Tschuwaschen, Finno-Ugrier)
  • Krim (turkstämmige Bewohner der Krim)

    Jedes Bataillon sollte aus dem Stab, einer Stabs-Kompanie und fünf Grenadier-Kompanien bestehen, die zum großen Teil von Osttürkischen Offizieren geführt wurden. Anfang November 1944 war die Gesamttruppenstärke durch Zuführung weiterer Kräfte auf 37 Führer, 308 Unterführer und 2317 Männer angewachsen. Die Austtattung mit Motor-Fahrzeugen war alles andere als prächtig. Als Alternative verfügte man über ca. 150 Panje-Wagen und knapp 500 Pferde. Schwere Bewaffnung war überhaupt nicht vorhanden. Die Kampfkraft der Truppe ist gut, wird nur durch den Mangel an Gewehren beeinträchtigt. Letzteres drückte auch auf die Stimmung der Soldaten, da sich die unbewaffneten Männer zurückgesetzt und als Soldaten zweiter Klasse fühlten. Teile der neu eingetroffenen Männer sind unausgebildet, werden aber in kürzester Zeit auf den Ausbildungsstand gebracht, der erforderlich ist, um die Männer im Bandenkampf einzusetzen. Die Erweiterung des Verbandes auf zunächst 5000 Mann ist über das SS-Hauptamt diesseits mit aller Energie in Angriff genommen.

    extrahiert aus: UFA Europa-Woche Nr. 95 vom 19. Dezember 1944
    Das obige Filmmaterial, welches in einer deutschen Wochenschau zum Einsatz kam, wurde ganz sicher an der Bahnstation Myjava (bei Sekunde 14 wird das Bahnhofsschild in Gänze sichtbar) gedreht.

    David Motadel führt in seinem Buch "Islam and Nazi Germany's War" aus, daß Harun-el-Raschid in einem Bericht, seine, aus unterschiedlichen Völkern stammenden Soldaten unterschiedlich einschätzte. Die Turkestaner und Aserbeidschaner hielt er für fromme und loyale Soldaten, da diese auch auf die religiöse Beeinflussung der Mullahs positiv ansprachen. Was die mohamedanisch-religiöse Seite der Krim-Tataren betraf, war er noch zu keinem endgültigen Urteil gekommen. Für einen beträchtlichen Teil der Idel-Ural-Tataren versprach er sich hingegen wenig Erfolg. Die Wolga-Tataren hielt er für unzuverlässig. Überhaupt war der Kommandeur erstaunt über die generelle Religiosität der Mannschaft. Er war eigentlich darvon ausgegangen, daß die Soldaten im Verfolg der bolschwistischen antireligiösen Propaganda keineswegs mehr überzeugte Mohamedaner seien.
    Desweiteren zitiert Motadel Briefe von Freiwilligen des Osttürkischen Korps an ihren Kommandeur...

    Harun-el-Raschid sei Mohamedaner wie wir. Für uns sind Sie nicht nur Kommandeur, sondern auch Vater, zu dem wir mit ganzem Herzen Vertrauen haben. Und ein anderer Soldat schreibt ... ein Bruder in unserem heiligen Glauben.

    Einen visuellen Eindruck von der Verflechtung von militärischem und religiösem in den Reihen von Harun-el-Raschids Osttürkischem Waffenverband lieferen die folgenden Filmsequenzen. Über die Aufnahmen berichten die Mitteilungen aus dem Bundesarchiv (Heft 1/2011) wie folgt:

    Erst kürzlich wurde bei der Aufarbeitung der wenigen, nicht durch Kriegsverluste zerstörten ungeschnittenen Restmaterialien der Deutschen Wochenschau, die in das Staatliche Filmarchiv gelangten, unter dem unverdächtigen Titel „Wochenschau-Ausschnitte“ ein noch nicht vertontes, auf Nitrozellulose gefertigtes 35mm-Originalnegativ in Farbe entdeckt. Es zeigt, beginnend mit einer ins Bild gehaltenen Agfa-Grautafel zwei unterschiedliche Aufnahmen einer der muselmanischen Legionen der SS sowie der Insel Helgoland (BDN 14101). Ein im Gebet mit angetretenen Muslimen vereinter SS-Standartenführer Karl von Krempler vermittelt in ersterem dabei ein Bild, das für Auslandspropaganda nicht ungeeignet scheint. Die Aufnahmen können zudem auf 1944 datiert werden, so dass eine geplante Verwendung in der niemals fertiggestellten Panorama Nr. 5 nicht auszuschließen ist, auch wenn Beweise dafür fehlen.

    Neben der falschen Angabe ("Karl von Krempler") sind sich die Spezialisten des Bundesarchivs nicht ganz sicher, wo und wann genau die Aufnahmen entstanden. Auch der Zweck bleibt vage. Normalerweise galt die Order, daß muslimische Angehörige der Truppe bei ihren religiösen Riten nicht gestört und schon gar nicht fotografiert oder gefilmt werden durften. Hier machte man aber eine Ausnahme, weshalb man davon ausgehen kann, daß es sich um eine Aufnahme zu Propagandazwecken handelte. Die Ausführung des Ganzen wirkt sehr professionell, weshalb ich mich der Vermutung hinsichtlich der Verwendung in einer der geplanten PANORAMA-Monatsschauen anschliessen würde.

  • Nach dem überraschenden Fund des 96 Meter langen Stück Farbfilms in 2009 fand dieser ausschnittsweise Verwendung in mehreren historischen Dokumentationen. Dabei ordnete man die Aufnahmen zum Teil geografisch und personell falsch zu (z.B. der "Handschar").

    Nachfolgend ist der vollständige Film zu sehen. Mir wurde durch das Bundesarchiv erlaubt, die Filmaufnahmen in reduzierter Qualität und mit der vereinbarten Quellengabe versehen, hier zu veröffentlichen.

    Vereidigungszeremonie im Osttürkischen Waffenverband der SS "Harun-el-Raschid",
    Quelle: Bundesarchiv, Bestand Film: B-110455.

    Die Aufnahmen lassen sich in 3 Teile gruppieren:

  • 1. Appell
  • 2. Religiöse Zeremonie
  • 3. Kolonne zieht durch den Ort
  • Wir können davon ausgehen, daß sämtliche Filmbestandteile in Myjava gedreht wurden. In vielen Fällen erkennt man im Hintergrund einen Kirchturm, den ich übereinstimmend mit slowakischen Historikern als den der Katholischen Kirche in Myjava identifiziere. Demnach erfolgten die Filmarbeiten zu den ersten beiden Filmabschnitten in der Nähe des Gymnasiums Myjava.
    Speziell im Teil 2 (Religiöse Zeremonie) sieht man Kommandeur Harun-el-Raschid Bey beim Gebet mit einem kleinen Teil seiner muslimischen Untergebenen.
    Eine "Vereidigung", wie in der Quellenangabe des Bundesarchivs vermerkt, kann ich nicht erkennen.
    Den Feldimamen in den Kampfverbänden war es übrigens erlaubt, einen Turban zu tragen.
    Der Imam, auf den hierbei stärker der Fokus gelegt wurde, war auch schon kurz in der UFA Wochenschau-Sequenz (bei Sekunde 42) zu sehen. Dort jedoch mit Käppi. Hierbei handelte es sich um Nurredin Nakib Chodscha, den Ober-Imam der Einheit. Seine und die Wege Wilhelms werden sich einige Jahre später nochmals kreuzen.

    In der 1. Dezember-Nummer 1944 der "Millij Türkistan", einer von mehreren speziellen Soldatenzeitungen für die turk-stämmigen Legionäre, findet sich unter dem Titel "Türkistan Regimenti SS" ein mehrseitiger Beitrag über die neu aufgestellte militärische Einheit unter Harun-el-Raschid.
    Darin befinden sich auch einige Fotografien, die den Kommandeur gemeinsam mit seinen Leuten (u.a. Gulam Alimov und Nurredin Nakib Chodscha) zeigen.
    Die Aufnahmen entstanden ebenfalls in Myjava.
    Ohne den zugehörigen Text bislang übersetzt zu haben, ist deutlich erkennbar, daß dieser sich zum allergrößten Teil mit dem turkstämmigen militärischen Führungspersonal beschäftigt. Der Name des Kommandeurs fällt bis auf eine Bildunterschrift kein einziges Mal...
    Anfang Dezember 1944 plante man für Harun-el-Raschid Bey schon wieder eine neue Verwendung: Aus dem Hause Dr. Olzscha verlautbarte es in einem Schreiben mit dem Betreff Führerstellenbesetzung bei den orientalischen SS-Verbänden (Osttürkischer Waffenverband, geplanter Kaukasischer Waffenverband und geplante Arabische Legion) unter anderem wie rechts auszugsweise wiedergegeben.

    Hinsichtlich der Passage zu "seiner Herkunft" darf man diese mit Sicherheit nicht so interpretieren, daß er jemandem vorgegaukelt hätte, irgendwie aus dem arabischen Raum zu stammen. Stattdessen nimmt man hier auf seine Nähe zum Großmufti von Jerusalem al-Husseini bezug, die im ersten Absatz beschrieben wird.

    1. Osttürkischer Waffenverband: Der derzeitige Kommandeur SS-Standartenführer Harun el Raschid, ist zweckmässigerweise mit der Organisation des aufzustellenden arabischen Verbandes zu beauftragen, da er aus dem engen Mitarbeiterkreis des Gross-Muftis stammt und bereits früher beim Reichssicherheitshauptamt einen entsprechenden Posten als Verbindungsmann zu arabischen Kreisen innehatte.
    ...
    Vorbereitende Erörterungen mit Standartenführer Harun el Raschid haben ergeben, dass er für diesen Posten großes Interesse zeigt. Es wird deshalb vorgeschlagen, dass er den Osttürkischen Waffenverband abgibt und die Aufstellung der Arabischen Legion, die ihm auf Grund seiner Herkunft viel näher liegt, in Angriff nimmt.
    Zu der oben angedachten Umverfügung und Abgabe des OTWV (als Nachfolger war SS-Oberführer Bertling ins Spiel gebracht worden) kam es jedoch nicht. Stattdessen wurde der Osttürkische Waffenverband unter Harun-el-Raschid zwischenzeitlich mit weiteren muslimischen Freiwilligen, die größtenteils unter Zwangsarbeitern oder Kriegsgefangenen angeworben wurden, die zuvor in der Roten Armee dienten, personell aufgestockt. Große räumliche Bewegungen machte der Verband jedoch nicht. Die Legionäre sollten grundsätzlich lokale Partisanen bekämpfen.
    Die mangelnde Loyalität einzelner Voksstämme innerhalb des Verbandes, die Harun-el-Raschid bereits analysiert hatte, führte anscheinend zu ständigen und schweren Disziplinverstößen innerhalb der Mannschaft. Aus diesem Grunde bat der Kommandeur am 30. November 1944 um Zuteilung eines Gerichts. Am 4. Dezember wurde Harun-el-Raschid als Gerichtsherr für den Osttürkischen Waffenverband bei gleichzeitiger Errichtung eines SS- und Polizeigerichtes, eingesetzt und hatte somit bessere Handhabe disziplinarisch gegen die Unruhestifter vorzugehen.

    So wirklich erfolgreich war er dabei jedoch nicht... In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1944 geriet die Situation außer Kontrolle:
    Der Führer des I. Bataillons des turkestanischen Regimentes, Waffen-Obersturmführer Gulam Alimov, desertierte mit mehreren hundert Angehörigen seiner Truppe bei Nove Mesto. In einem Schreiben Harun-el-Raschids an den Deutschen Befehlshaber in der Slowakei vom 26.12.1944 arbeitete dieser die Geschehnisse um die Massendesertation auf, insofern die Lage zu diesem Zeitpunkt klar war. Er erwähnt dabei das im Auftrag vom Ia des Deutschen Befehlshabers in der Slowakei von mir verfasste Propagandablatt, das zum Abwurf durch Flugzeug gedacht ist. Ob es tatsächlich zum Einsatz von Flugblättern kam, ist unklar. Ein großer Teil der Deserteure (ca. 300 Mann) war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder eingefangen, entwaffnet und in der Pionierkaserne in Nove Mesto festgesetzt worden. Nichtsdestotrotz rechnete der Kommandeur zu diesem Zeitpunkt mit etwa 500 Mann, die noch fehlen.

    Bezüglich der Geschehnisse rund um die Massen-Desertation Weihnachten 1944 existiert eine Ausarbeitung von Sebastian Cwiklinski, die mit weiteren Details und Theorien aufwartet. Die entsprechende Passage aus einer längeren Veröffentlichung findet man hier...

    Nachdem jetziger Kommandeur des Osttürkischen Waffenverbandes wiederholt eigenmächtig und entgegen der Weisungen des SS-HA, die Führung des Verbandes unzuverlässigen Elementen anvertraut hat, ist ein Teil der Turkestaner unter Führung des Waffen-Oberstuffhr. Alimov nach Ermordung einiger deutscher Unterführer zu den Partisanen übergelaufen. Das Verhalten des Kommandeurs Harun-el-Raschid zeigt, dass er nicht in der Lage oder gewillt ist, die notwqendigen Schritte zu unternehmen.
    Es wird dringend gebeten, Standartenführer Harun-el-Raschid mit sofortiger Wirkung seiner Dienststellung zu entheben und Hstuf. Fürst bis auf weiteres kommissarisch mit der Führung des Verbandes und im besonderen mit der Führung der Waffengruppe Turkestan zu beauftragen.

    SS-HA., Amtsgr.D
    Oststelle d.I/5 k
    gez. Minke, SS-Staf.

    Zu der geforderten Absetzung des Kommandeurs kam es dann aber doch nicht. Im Januar 1945 wurde der Osttürkische Waffenverband reorganisiert. So wurde das Aserbeidschanische Regiment herausgelöst und dem in Nord-Italien in Aufstellung befindlichen "Kaukasischen Waffen-Verband der SS" zugeführt. Als Ersatz wurde das tatarische Personal der zuvor aufgelösten "Waffen-Gebirgs-Brigade der SS (tatarische Nr.1)" eingegliedert. Und auch das Turkestanische Bataillon mußte neu gegliedert werden, nachdem eine beträchtliche Anzahl Soldaten im Dezember 1944 desertiert waren.
    Örtlich gesehen befand sich der Waffenverband unter Harun-el-Raschid immer noch in der West-Slowakei. Am 1. März 1945 wird er zwar immer noch im Raum Myjava notiert, die teilweise Verlegung nach Norditalien begann jedoch schon in der letzten Februar-Woche des Jahres.
    Im Laufe des März fand die Truppenbewegung in das Zielgebiet seinen Abschluß. Harun-el-Raschid Bey hatte Ende 1944 angeregt, den Verband zur Bandenbekämpfung in den Savoyer Alpen einzusetzen. Dieser Vorschlag resultierte aus seiner Analyse der Alimov-Episode. Demnach wäre es angebracht gewesen, die Leute in einem Raum einzusetzen, in dem sie sich sprachlich nicht mit der Zivilbevölkerung verständigen könnten wie eben in der Slowakei.
    Außerdem bestand ein wesentlicher Teil des Verbandes aus gebirgsgewohnten Männern.

    Zumindest eine Zivilbevölkerung, mit der sich die Legionäre nicht verständigen konnten, fand man am neuen Standort im Dreieck Mailand - Merate - Bergamo vor. Hier befand sich spätestens ab 10. März 1945 der Stab des Osttürkischen Waffenverbandes.

    Um den 11. April 1945 kommt es zu einer weiteren Desertation. Diesmal sind es (angeblich) 900 Angehörige des Aserbeidschanischen Regiments, die ihr Heil in der Flucht suchen und sich über die norditalienische Grenze in die Schweiz durchschlagen wollen. Einem Teil der Männer gelingt dies sogar während andere nur bis Monte di Nese kommen und sich dort zunächst verstecken. Die Aserbeidschaner hatten den Plan, sich mit den dort operierenden italienischen Partisanen zu verbünden. Doch dazu kommt es für viele nicht mehr. Am 13. April drangen nach Augenzeugen "mehr als 2.500 Faschisten und SS-Männer" in das kleine Dorf ein, spürten die Abtrünnigen auf und töteten 118 von ihnen: 43 starben während des Gefechts, 2 erlagen später ihrer Verwundung, 73 wurden verhaftet und an drei Stellen des Dorfes erschossen. Das Ereignis ging als "Massaker von Monte di Nese" wenigstens in die regionale Geschichtsschreibung ein und wurde 2010 in einem Buch des Italieners Andrea Pioselli ("La diserzione. I «mongoli» nella Resistenza bergamasca e la strage di Monte di Nese") ausgewertet.
    In diesem Zusammenhang fällt zuweilen der Namen Harun-el-Raschid und suggeriert, daß dieser mit der oben erwähnten Aktion in Verbindung stand. Der Verdacht kann zwar nicht gänzlich ausgeräumt werden, andererseits unterstanden ihm die Aserbeidschaner schon seit dem 30. Dezember 1944 nicht mehr, nachdem diese in den Kaukasischen Waffen-Verband der SS eingegliedert worden waren. Insofern fand die Desertation auch nicht in seinem Waffenverband statt. Monte di Nese ist von Merate, dem damaligen Stützpunkt des Osttürkischen Waffenverbandes, gute 40 Kilometer entfernt, so daß Zweifel angeracht sind, ob Angehörige dieser Einheit damals beteiligt waren.

    Am 26. April 1945 wurde nach zähen Verhandlungen zwischen dem Kommandeur des Verbandes, Wilhelm Harun-el-Raschid Bey und dem örtlichen Kommandeur des Corpo Volontari della Liberta (C.V.L.), Giovanni Lurani, ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen. Nach diesem durften die in Merate stationierten Einheiten (ca. 500 Mann) ihre Waffen behalten, wenn sie sich auf ihre Unterkünfte zurückziehen. Außerdem sollten gemeinsame Wachen der deutschen Truppe und den bewaffneten Partisanen an bestimmten Kontrollpunkten eingerichtet werden.

    ABKOMMEN VOM 26. APTIL 1945 ZWISCHEN DEM C.V.L. VON MERATE UND DEM DEUTSCHEN KOMMANDO IN MERATE

    Nr. 1 Die Deutschen verpflichteten sich, keine organisierten Elemente, weder Faschisten noch Angehörige anderer Gruppen, nach Merate zu lassen.

    Nr. 2 An den Kontrollpunkten werden doppelte Wachen (Deutsche und C.V.L.) aufgestellt.

    Nr. 3 Die Deutschen verpflichten sich bedingungslos, die Provinzstraße nach Lecco und die Zufahrtsstraßen nach Merate aus den Nachbarorten freizugeben. Für den Fall, dass deutsche Truppen die besagten Straßen willkürlich besetzen oder durchqueren, wird hiermit vereinbart, dass die Kräfte der C.V.L. ermächtigt werden, diese deutschen Soldaten zu entwaffnen, festzunehmen und gefangen zu halten, bis eine Einigung mit dem deutschen Kommando erreicht ist.
    Ausgenommen hiervon sind diejenigen deutschen Soldaten, die in Häusern an der Provinzstraße von Monza nach Lecco untergebracht sind. Sie dürfen die Stadt frei betreten, jedoch nur über den nächstgelegenen Kontrollposten des C.V.L. und unter Eigenverantwortung des deutschen Kommandos.

    C.V.L.

    Befehlshaber der Abteilung Merate

    Drei Tage später, am 29. April 1945, erfolgte offiziell die Kapitulation der Einheit als Truppen der US 1st Armored Division in Merate einmarschierten.