last update: 14.11.2021 19:04

Senftenberg, wendisch Komorow, liegt in der Provinz Brandenburg, Regierungsbezirk Frankfurt/O., Kreis Calau und wird von der Schwarzen Elster berührt, welche unweit der Stadt die Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen bildet. Sie liegt unterm 38sten Grad östlicher Länge und 51sten Grad nördlicher Breite.



Senftenberg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
... ein bis vor kurzem noch verschlafenes Ackerbauernstädtchen, welches Fremde spöttisch-verächtlich als in der Hundetürkei gelegen bezeichneten, hatte gerade erst Anschluß an die große weite Welt erlangt. In der Umgebung hatte man große Vorkommen an leicht zugänglicher Braunkohle entdeckt, die in zunehmenden Maße abgebaut und zu Briketts verarbeitet wurde, welche man danach vornehmlich nach Cottbus und Berlin transportierte. Der Bau der Eisenbahnstrecke Cottbus - Großenhain und der Anschluß Senftenbergs an diese Trasse beflügelte die wirtschaftliche Entwicklung der Region ungemein.

Eine 1885 durchgeführte Volkszählung ergab für Senftenberg folgendes Ergebnis: Nach den jetzt veröffentlichten endgiltigen Ergebnissen vom 1. Dezember v. J. zählt unsere Stadt in 316 Häusern, 2 Wohnplätzen, 4 Anstalten für gemeinsamen Aufenthalt und 697 Haushalte 1659 männliche und 1539 weibliche, zusammen 3198 Einwohner. Aus einer Chronik der Senftenberger Postgeschichte stammen die nachfolgenden Angaben, die das stetige Bevölkerungswachstum bis zur Jahrhundertwende dokumentieren: 1840: 1225, 1855: 1449, 1861: 1503, 1871: 1861, 1875: 2078, 1880: 2848, 1890: 4503, 1895: 4973, 1900: 6157.
Über die Sprach- und Religionsverhältnisse berichtet die selbe Chronik: Die Verkehrssprache ist die deutsche. In den umliegenden Ortschaften wird wendisch gesprochen. Die Religion ist ausschließlich evangelisch. Zum Katholizismus bekennen sich nur wenige, zur jüdischen Religion nur eine Familie. In den letzten Jahren ist die Zahl der katholischen Einwohner durch den starken Zuzug polnischer und schlesischer Arbeiter soweit gestiegen, daß für dieselben eine eigene Schule und ein eigenes Bethaus hat errichtet werden müssen.

Für den geistlichen Beistand der vornehmlich protestantisch geprägten Senftenberger Bevölkerung trug ab 1883 unter anderem Wilhelm Hintersatz Senior die Verantwortung.

Geboren wurde dieser als Friedrich Wilhelm Hintersatz am 19.01.1855 in Ruhland, nur wenige Kilometer von Senftenberg entfernt.

Auszug aus dem Taufregister der Kirche zu Ruhland

Wilhelm war das erste von 6 Kindern, die dem ortsansässigen Tischlermeister Friedrich Wilhelm Hintersatz und dessen Frau Maria geboren wurden.
Reinhard Otto (* 24.09.1857 - † 03.12.1864),
Anna Maria Leontine (* 28.10.1858 - † 04.02.1938),
Gotthelf Reinhold (* 21.01.1863 - † 15.04.1901),
Richard Georg (* 03.06.1866 - † 12.01.1939) und
Anna Maria Helene (* 23.05.1869 - † ? )

Alle erblickten ebenfalls in Ruhland das Licht der Welt und vergrößerten sukzessive die Geschwisterschar.

Der Name Hintersatz ist für die Niederlausitz relativ untypisch. Später einmal wird die Bemerkung "alttiroler Name" fallen. Ob die Ursprünge der Familie tatsächlich so weit im Süden lagen ist unklar.
Der Stammbaum der Familie lässt sich derzeit bis auf Christian Samuel Hintersatz, einen Schneidermeister, der 1757 in Drebkau, ebenfalls unweit Senftenberg, geboren wurde, zurückverfolgen. Die nächste Generation, die den ersten Friedrich Wilhelm Hintersatz (* 10.08.1791 - † 16.03.1851) hervorbrachte, kam noch in Drebkau zur Welt, wandte sich jedoch bald Ruhland und dem Tischlerhandwerk zu. Dieser Beruf wurde auch an den nächsten Friedrich Wilhelm (* 26.08.1823 - † 16.07.1909), den Vater unseres zukünftigen Theologen, weitergegeben.

Wilhelm Hintersatz ca. 1870
während der Zeit in Hirschberg
Der angehende Geistliche wurde zunächst auf dem Königlichen Gymnasium zu Hirschberg in Schlesien (heute Jelenia Góra, Polen) ausgebildet. Die letzten anderthalb Jahre seiner Schulzeit absolvierte er auf dem Gymnasium in Guben. Übrigens gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Gotthelf, der vier Klassen unter ihm war. Im März 1876 legte Wilhem in Guben das Abitur ab um im selben Jahr an der Universität Leipzig sein Studium der Theologie und Philologie zu beginnen welches er in Berlin abschloß.
Nach dem Studium arbeitete er als Lehrer an einer höheren Töchterschule in Berlin sowie als Diakonus und Prädikant beim Professor und Prediger Dr. Paulus Cassel...

Erwähnung in Kirchlichen Nachrichten (1879/80)
Wilhelm Hintersatz
während seiner Zeit in Berlin
...um schließlich Ostern 1881 gemeinsam mit 7 Kommilitonen Predigtamts-Candidat im Königlichen Prediger-Seminar Wittenberg zu werden. Hier absolvierte Wilhelm die letzten 2 Jahre seiner theologischen Ausbildung.

Das Prediger-Seminar zu Wittenberg um 1881
Auszug aus einem Gedicht von Emil Quandt,
Direktor des Seminars von 1888-1907
Nach seiner Ordination 1883 predigte er erst einige Male in seinem Heimatstädtchen und dessen Filialen bevor es ihn nach Senftenberg zog.
Wilhelm Hintersatz.

Das Foto wurde mit 1886 datiert. Ich halte dies für zu spät.
Normalerweise wäre für einen Senftenberger das Photoatelier von Hermann Meyer die erste Adresse für derartige Aufnahmen gewesen. Meyer eröffnete seine Senftenberger Dependance aber erst im April 1886. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Senftenberg keinen stationären Fotografen der solche Produktionen herstellte, weshalb man gezwungen war auf die Umgebung, in diesem Fall: Cottbus, auszuweichen.
Im August 1883 trat Wilhelm hier unter dem amtierenden Oberpfarrer Rudolph die Stelle als Archidiakonus von Senftenberg und Pfarrer von Sedlitz an. Am 8. August 1883 erfolgte seine Bestätigung durch das königliche Consistorium.

Senftenberger Anzeiger (22.08.1883)

5 Monate später, am 20. Januar 1884, wurde die feierliche Amtseinführung in der Deutschen Kirche zu Senftenberg zelebriert.

Senftenberger Anzeiger (30.01.1884)
Am 5. Mai 1885 heiratete Wilhelm Hintersatz die zwei Jahre jüngere Johanna Louise Oertel. Die Tochter von Robert Oertel, seines Zeichens damaliger Kgl. Steuereinnehmer 1. Klasse in Senftenberg, wurde am 5. September 1857 in Treuenbrietzen geboren und wird 52 Jahre lang ihrem Mann eine treue Gefährtin sein.

Auszug aus dem Kirchenbuch der Deutschen Kirche zu Senftenberg (Trauungen 1868 - 1897)
Wilhelm Hintersatz (um 1886)
Louise Hintersatz (um 1890)