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Senftenberger Anzeiger vom 24. August 1935
Senftenberger Anzeiger vom 26. August 1935
Senftenberger Anzeiger vom 28. August 1935
Senftenberger Anzeiger vom 31. August 1935
Senftenberger Anzeiger vom 03. September 1935
Senftenberger Anzeiger vom 05. September 1935
Senftenberger Anzeiger vom 07. September 1935
Senftenberger Anzeiger vom 07. September 1935
Senftenberger Anzeiger vom 10. September 1935
I.

Nun haben wir von Europa Abschied genommen und fahren auf der guten alten „Wien“ (Vienna) des Triester Lloyds durch die kobaltblauen Wogen des Mittelmeeres Afrika entgegen. Ja, es ist die alte „Wien“. Aus den Bildern im Speisesaal grüßt uns noch die alte Kaiserstadt, grüßt uns die Mode der Vorkriegszeit. Die Bilder des alten „Franzl“ und des Thronfolgers nur sind ersetzt durch Bilder des Königs von Italien und des Duce. Unverändert ist die peinliche Sauberkeit, unverändert die hervorragende Verpflegung. Also das „Afrikafahren“ – in diesem Teile der Fahrt – ist nicht gar so übel. Ich will nun weder von den schönen Gegenden Deutschlands und Italiens berichten, durch die unser treuer Ford mit seinen 40 Pferdestärken im Tempo von 80 – 100 Kilometer uns getragen hat, noch heute schon „Erlebnisse“ schildern, über die die Auguren – und dies mit Recht! – zu lächeln pflegen. Und dennoch gibt es so allerlei Interessantes auch schon auf solcher Fahrt. Mit dem Grenzübergang fängt es an. Da dürfen auf Grund einer Dringlichkeitsbescheinigung an barem Gelde 50 Reichsmark je Person über die Grenze mitgenommen werden. Ich weise die 50 Reichsmark vor. O wehe, erstes Vergehen! Es darf nur Hartgeld sein. Noch ist es Zeit, und bald sind die Beträge in Hartgeld gewechselt. Und das Ergebnis „drüben“? Hartgeld will jenseits der Grenze keiner abnehmen. Und wenn es jemand tut, so zahlt er für eine Reichsmark ganze 3 Lire. Ja, und dann: Wir müssen unseren Wagen an der deutsch-österreichischen Grenze – für uns Mittenwald – einem besonders befugten Vertrauensmanne zur Durchführung durch Oesterreich übergeben, sofern wir ihn nicht mit erheblichen Unkosten und obendrein möglicher Zeitversäumnis mit dem Zuge transportieren lassen wollen. Natürlich geht es auch anders, jedoch nur dann, wenn man je Person 1000 Reichsmark zahlt – und wer kann und will das? Also wir fuhren mit dem Zuge, mit uns die Sorge um unsern Wagen. Den Aufenthalt in Innsbruck benutzen wir zu einem Bummel durch die Stadt. Ja, ja, es ist schon so – die deutschen Besucher fehlen, fehlen bitter, bitter, und das prachtvolle Tiroler Brudervolk weiß seiner Regierung wenig dank für seine Not und bringt durchaus kein Verständnis dafür auf, wenn es, wie kürzlich geschehen, erleben muß, daß auf höheren Befehl 80 englische Tirolbesucher der Stadt Innsbruck mit 40 Mann Musik eingeholt werden! Also wir trafen auf dem Brenner mit dem Zuge ein und fanden zu unserer Erleichterung dort unseren Wagen in bester Ordnung vor. Die Pässe…, ja, das ist freilich eine eigenartige Sache, wenn zur Zeit darin die Einreiserlaubnis nach Abessinien vermerkt ist und der Inhaber – obendrein ehemaliger Offizier – ausgerechnet durch Italien fahren will. Ist das nun Frechheit oder wirklich gutes Gewissen? Lächelnd bemerkte ich, wie die hohe Paßkontrolle die Köpfe zusammensteckte, uns verstohlene Blicke zuwarf, miteinander tuschelte; und ungewöhnlich lange dauerte die ganze Prozedur. In der Zwischenzeit – nun, da hatte man unseren Wagen und in und an diesem unser gesamtes Gepäck (Schlüssel mußten dem Transporteur mitgegeben werden) einer gründlichen „Durchforstung“ unterzogen. Ich nehme es unter den besonderen Umständen einerseits nicht übel und erkenne andererseits gern auch die „Sorgfalt“ an, mit der die Prüfung geschehen war, d.h. insofern, als alles wirklich wieder tadellos eingepackt worden war. Die immer wiederholten Fragen nach Waffen konnte ich mit gutem Gewissen verneinen und habe nicht einmal Bedenken getragen, frei zu bekunden, daß ich selbstverständlich nicht ohne Waffen nach Afrika ginge, diese ebenso selbstverständlich aber nicht durch Italien führte. Ja, da war wohl nichts zu machen. Und tatsächlich habe ich während der gesamten Fahrt durch Italien bis zur Einschiffung in Neapel in keiner Form irgendeine Behelligung erfahren.

Die Fahrt ist nicht nur landschaftlich ein Genuß gewesen, dem freilich – da sollte sich jeder Deutsche merken! – die frische Würze der deutschen Wälder fehlt, sondern auch dem „Autler“ eine Freude dank der prachtvollen Straßen. Rom! 1 200 000 Einwohner. Vieles ist geschehen, um die störenden Häßlichkeiten von einst zu beseitigen. Winkel und Ecken haben Anlagen und Blumen erhalten. Aber es bleibt nun mal doch das „alte Rom“ mit größtenteils schmalen Straßen, das Rom, das sich ja auch wirklich nur außerordentlich schwer den Anforderungen an eine moderne Großstadt anpassen läßt. Und es bleiben ja auch die „Italiener“, die eben anders sind als wir. Da komme ich auf einen interessanten Versuch: In Rom und Mailand (ich weiß nicht, ob außerdem noch) hat man von bestimmter Stunde eines bestimmten Tages an ganz einfach jedwedes Hupen der Kraftwagen verboten und unter peinliche Strafe gestellt. Bin gespannt, zu welchem Endergebnis der Versuch führen wird. War es früher bei Tag und Nacht geradezu ein Teufelskonzert in den Straßen Roms, so mutet das schweigsame Gleiten der Kraftwagen jetzt uns beinahe geisterhaft an. Aber die Sache hat bedenkliche Seiten. Was bei dem Ordnungssinn und der Disziplin der Deutschen, vor allem bei der vorzüglichen Straßendisziplin in Deutschland wohl kaum große Schwierigkeiten bieten würde, in Italien ist’s nun mal anders. Da läuft und fährt man eben kunterbunt durcheinander, der eine links, der andere rechts. Der eine Polizist greift ein, der andere übersieht’s. Da stehen ganze Gruppen beim Schwätzchen auf dem Bürgersteig verkehrsreichster Straße. Da laufen sie auf der verkehrten Seite zu Vieren und mehr nebeneinander. Da laufen sie genau so mitten auf der Fahrstraße wie auf dem Bürgersteig. Da zieht irgendein Träumer im Zickzackkurs inmitten der Straße seinen Weg. Wie ich auch vorbeizukommen suche, ich habe ihn vor mir. Ja, und hupen darf ich doch nicht. Was bleibt übrig? Ich ersetze die Hupe durch den – hm, großen? – Mund. Das hilft. Der Herr Träumer schaut sich um und entdeckt voll Entsetzen unmittelbar hinter sich meinen blinkenden Kühler. Ja, und die Herren Autler selbst? – Reden wir nicht darüber! Kurven werden genommen wie es paßt, und überholt und ausgewichen wird nach Geschmack und Raumfreiheit, wobei letztere nicht selten ein wenig verschätzt wird. Geht alles eben ein bißchen weniger gründlich, ein bißchen weniger ordentlich, ein bißchen weniger – sauber zu. Und das gilt in jeder Hinsicht. Es gilt – sehr zum Leidwesen! – auch für die Gaststätten- und Hotelbetriebe (Ausnahmen bestätigen die Regel, und wo man sie findet, stößt man meist auf eine deutsche Kraft). Und es gilt besonders auch in bezug auf technische Dinge. Es ist ganz fraglos, daß auf dem Gebiete der Technik Italien einen ganz erheblichen Aufschwung zu verzeichnen hat. Aber, wie auch sonst, die Glanzleistungen sind Spitzenleistungen, denen die Allgemeinheit sich noch nicht angepaßt hat. Durchweg fehlt es daher an richtiger Pflege und sorgsamer Behandlung der technischen Erzeugnisse, so daß sehr bald deren Zustand zu wünschen übrig läßt. Aber sonst – nun, es ist Italien mit seiner „segnenden“ Sonne, die in diesem Jahre – alles ist ja überall „verkehrt“ – besser „sengend“ genannt wird. Ja, und der drohende Kolonialkrieg? Kaum etwas zu merken, weder von ihm, noch von sonderlicher Begeisterung für ihn, wenigstens nicht im Kreise der unabhängigen Intellektuellen, noch in der Masse des Volkes. Italien hat seine Vulkane. Mag sein, daß das Volk sich daran gewöhnt hat, über „Vulkanen“ sorglos zu sein!

II.

Auf Dampfer Chenonceaux im Roten Meer.

20. Juli 1935.

Am 8. Juli 1935 um die Mittagszeit steigt aus dem blauen Meer Afrikas Küste auf, weiß mit leicht gelblicher Tönung, unterbrochen vom dunkleren Ton einzelner Baumgruppen. Und dann das Häusermeer der Handels- und Hafenstadt Alessandria – eine Hafenstadt kaum anders wie solche in Europa auch, übertuscht in ihrer vielleicht einstigen Originalität durch den modernen Internationalismus. Zunächst – gültig für die Zeitspanne, der dieser Bericht entstammt – ein wohlgemeinter Rat, so paradox er klingen mag: Wer der Hitze Europas, mindestens aber der südlich der Alpen, überdrüssig ist, der gehe nach… Afrika, mindestens Alessandria. Tatsächlich ist’s zur Zeit hier wohltuend kühl gegenüber der Backofen-Temperatur, die wir in Italien erfahren haben. Ich will nun nicht von den bekannten z.T. lästigen Formalitäten sprechen, die mit der Reise von Land zu Land verbunden sind, auch nicht von dem „Mischmasch“ von Orient und Occident in dem Gewimmel am Hafen. Dem, der es zum ersten Male sieht, mag es manche Illusionen rauben; und ich will ja gar nicht Illusionen nehmen. Ich will auch nicht von den vielerlei Darbietungen in Waren und … „Künsten“ berichten. Künste? – Ja, da produzieren sich z.B. inmitten des Trubels am Schiff Parterre-Akrobaten, die sich ganz gewiß in der Skala sehen lassen könnten. Nebenher: Da reißt soeben ein Gaukler einem piepsenden Kücken den Hals ab. Brrrr – entsetzt wendet meine Frau sich ab. Doch es ist gar nicht so schlimm: Die Hand mit dem „Kückenkopf“ öffnet sich und heraus schaut ein höchst vergnügtes zweites Kücken. Folgende kleine Episode aber will ich nicht vergessen: Da bietet neben vielen anderen ein untersetzter dunkelbrauner Bursche seine Führung durch Alessandria an, bei jeder Ablehnung gewohnheitsmäßig billiger werdend. Wer ist’s? Herr …. Schmidt! Tatsächlich hat er als solcher auch seinen Ausweis. Mit blumenreichem Wortschwall preist er die Schönheiten der Stadt und berichtet von den Katakomben, die 5000 Jahre alt seien. Ich wende – keine Ahnung, ob es stimmt – ein, sie seien doch nur 3000 Jahre alt. Freund „Schmidt“ ist nicht etwa verlegen und meint lächelnd: „Nun, ist doch auch genug!“ Wie das Geheimnis seines deutschen Namens sich löst, habe ich nicht erfahren können. Eine zweite kleine Geschichte betrifft unseren Freund Hassan Mohamed, einen echten Araber, einen prächtig gewachsenen Burschen mit offenem Gesicht und guten Augen. Kaum war er unser gewahr geworden, tönte uns sein „Heil Hitler!“ entgegen. Er ist einmal in Bremen gewesen. Ich nahm ihm für durchaus soliden Preis 2 Serien Ansichten von Alessandria ab. Ja, und jetzt kommt das „Mirakel“: Hassan Mohamed reicht in liebenswürdiger Weise sowohl meiner Frau wie mir je ein Paar arabischer Manschettenknöpfe dar und – weist jede Bezahlung dafür mit unabweisbarer Bestimmtheit zurück. Hassan Mohamed wurde unser Freund; und in dieser Freundschaft ist nie der „Pferdefuß“ erschienen. Für 1,50 RM verkaufte er mir eine wirklich schöne Banknotentasche in Kamelleder. Nur in Form von Zigaretten nahm er einen kleinen Dank an. Und dann: Wir saßen an Bord bei Tisch. Da erschien ein Steward. Ich sah gerade noch, wie ein langes weißes Gewand eilends verschwand – Hassan Mohamed. Der Steward aber überreichte meiner Frau von „einem Araber“ einen wundervollen Strauß roter und weißer Rosen und Margeriten. Dann haben wir von unserem Freunde noch einige Aufnahmen gemacht und seine Anschrift uns geben lassen. Er soll aus der Ferne als Gruß seiner deutschen Freunde einige Bilder erhalten.
Das Gegenteil von diesem braven Burschen haben wir in Port Said kennengelernt. Einer der unzähligen – der Fremde kann sich der Händler in „echten“ Schmuckstücken, Skarabäen, Stoffen, Ansichtskarten, der Schuhputzer usw. kaum erwehren – Tabakverkäufer bot mir Tabak für meine Pfeife an. Seine Forderung von 20 Piastern erwiderte ich erfahrungsgemäß mit einem Angebot von 10 Piastern. Endergebnis des halbstündigen (darunter geht es selbst bei einer Schachtel Streichhölzer nicht) Handelns: Ich kaufte für 15 Piaster den „echt ägyptischen“ Tabak. Vornehm wie ein Fürst erschien der Händler kurz darauf und bot mir „huldvoll“ 2 Schachteln Streichhölzer als „Präsent“ dar. Das aber erschien mir als „Kenner“ verdächtig. Richtig, bald hatte ich festgestellt, daß man mir im Laden für meinen übrigens nicht etwa „ägyptischen“ Tabak nur 10 Piaster abverlangte, so daß ich ihn mit wohl 7 – 8 Piaster (6 Piaster = 1 RM.) hätte haben können. Port Said verzeichnet übrigens allgemein geradezu ungeheuerliche Preise. Man fragt sich, wie jemand zu existieren vermag, in diesem Ort, der den Eindruck macht, als sei er – noch nicht ganz fertig – vor Wochen erst aus dem Sande gestampft worden. Verkehrsschutzleute und sogar Ampeln hat Port Said. Doch was letztere sollen, ist mir nicht recht klar geworden, noch weniger wohl dem ägyptischen Schutzmann selbst, der sie bedient. Ob rot, ob grün, kein Fußgänger, keiner der ihre Ankunft mit vernehmlichem Glockenschlag ankündenden Pferdetaxen, kein Auto richtet sich danach; und nur wie zum Zeitvertreib wechselt der Polizist eben dann und wann die Lichtfarbe. Nachdem wir durch einen „Schkeper“ zunächst einmal in ein Restaurant gebracht waren, wo man uns den dreifachen Preis abnahm, aßen wir in einem zufällig aufgetanen griechischen Restaurant, deren es viele in Port Said gibt. Das Essen war gut und preiswert. Das ägyptische Bier schmeckte nicht übel, d.h. nachdem wir zuvor eine „Lage“ erst einmal zurückgewiesen hatten, weil die Gläser den Mundabdruck von „Generationen“ untilgbar an sich hatten. Viel Spaß macht es, den Uebergang des Europäers in den heißen Orient zu sehen. Das beginnt schon auf dem Schiff. Nämlich: Der Tropenhelm und der Moskitowedel! Wüßte mancher, wie „komisch“ ihm der Tropenhelm steht, zumal wo er wirklich noch nicht benötigt wird, er ließe ihn lieber „zu Haus“: denn dort soll er ja doch erst bestaunt werden. Port Said hat einen wundervollen Strand. Leider reiht sich an seiner schönsten Stelle, ganz wie am Lido vor Venedig, geschmacklose Bretterbude an Bretterbude und verleidet die Lust zu dem so ersehnten erfrischenden Bade. Trotz des Hotelbades nähme man ein solches doch so gern! Da treffen wir auf der Mole, deren Fußpunkt das Lessepsdenkmal bezeichnet, einen Inder. Er nickt mit einer Art heimlichen Einverständnisses unserem „Fritz“ – Chauffeur, Helfer in allen Nöten – zu. Was ist’s mit ihm? Auf dem Schiff schon hat er sich an „Fritz“ herangemacht, hat über unseren Hitler gezetert und Lenin und – Thälmann (!!!) in den Himmel gehoben. Seine Karte ging nicht etwa in Port Said zu Ende. Was mochte den Jünger Lenins bestimmt haben, trotzdem dort auszusteigen? Das sittliche Niveau des Getümmels aus aller Herren Ländern kennzeichnet ein ganz kleines, an sich vielleicht unbeachtliches Moment: fast alle Händler – meist übrigens Kopten, Armenier oder Griechen – bieten, wenn der Fremde ihnen durchaus nichts abnehmen will, ihm mit verschmitztem Augenzwinkern Karten mit übelsten Darstellungen an; und ihre Frechheit – in meinem Falle mit den entsprechenden arabischen Epitheta beantwortet – geht soweit, daß sie dabei nicht einmal auf die Anwesenheit einer Dame Rücksicht nehmen. Respekt hat dies „Gesindel“ heute vor dem Europäer kaum noch. Nur eine Ausnahme: Erscheinen die strammen, sauber gekleideten Gestalten der englischen Polizisten, stiebt alles auseinander und verschwindet.

III.

Wir waren im „Expreß“ (ich rate jedem, sich die Kosten für 1. Klasse zu ersparen und die 2. Klasse zu wählen, die sich kaum von der 1. unterscheidet) über Ismailia nach Cairo gefahren. Wir haben die Araberstadt Cairo durchwandert, Sakkara, die uralte Totenstadt Memphis und die Pyramiden von Gizeh gesehen. Befugte haben darüber und über die herrlichen Schätze des Nationalmuseums in Cairo geschrieben. In anderer Richtung will ich einige „Streiflichter“ über das Land huschen lassen: Auf dem Wege zu den Stätten der Erinnerung an eine unerhört vorgeschrittene uralte Kultur haben wir von Cairo uns wenige Kilometer nur entfernt. Die Straße führte an einem der größeren Nebenarme des Nils oder einer seiner Kanäle entlang. Und was lag darin? Ein abgehäuteter, also planmäßig dahineingeworfener Eselkadaver. Um den Kadaver herum badeten Kinder. Unweit wusch eine Frau ihr Eßgeschirr. Kaum 10 Meter davon, genau so wenig beachtet wie jener Eselkadaver, trieb die Leiche eines braunhäutigen Mannes. Dutzende von Tierkadavern haben wir im Verlaufe unserer Fahrt in den Gewässern noch gesehen. Als Führer hatten wir einen Mann deutschen Namens. Preis durchaus solide, d.h. durch das Hotel festgelegt. Führung gut. Als Kenner des Orients witterte ich aber irgendwo den „Pferdefuß“, sobald ich erfuhr, daß jener Mann mit deutschem Namen ein „Türke“ sei, der mir obendrein erklärte, er sei ein „freiwilliger“ Mohamedaner. Nun, der Pferdefuß entpuppte sich diesmal ziemlich harmlos. Sein „Spezialverdienst“ waren die „Trinkgelder“, die er den Arabern an verschiedenen Stellen gab. Er gab sie „diskreterweise“ sehr unsichtbar. Die Araber waren nie zufrieden. Ich war es später auch nicht ganz; d.h. ich war es nicht in Anbetracht der Höhe jener Sonderabgaben. Ein charakteristisches Moment sein nicht vergessen: Auf dem Wege zwischen Sakkara und Gizeh, mitten im Wüstensande, begegneten wir einer tief verschleierten Araberfrau. Ihre dunklen Augen blickten zwischen Kopfschutz und Schleier uns an. Ein Lächeln: „Heil Hitler!“ – Der Gruß der Wüstenbewohnerin für uns Deutsche. In Aegypten ist der German durchaus beliebt. Und doch: In Cairo wie Port Said hängen über Restaurants und Cafés die Flaggen aller möglichen Nationen, besonders aber die Frankreichs. Nicht eine einzige deutsche Flagge habe ich gesehen, wohl aber Deutsche, die in jenen Gaststätten verkehrten, wo man die deutsche Flagge anscheinend nicht „kennt“. Ich habe mich – geschämt; und ich hoffe, daß man deutscherseits wissen wird, dem Deutschen beizubringen, daß er gleich den Angehörigen anderer Nationen eine Gaststätte meidet, die andere Flaggen, nicht aber die deutsche führt! Der Deutsche lerne in dieser Hinsicht vom Engländer! – Die Schuld an jener Einstellung den Deutschen gegenüber trägt neben dem mangelnden Nationalstolz, der Deutsche selbst aber nicht das ägyptische Volk. Es ist die „Levante“, die hier mit allen ihren unliebsamen Eigenarten sich geltend macht. Das Volk des Landes – bis auf eine dünne Oberschicht – krankt trotz der Fruchtbarkeit seines Nils und seiner 4 Ernten an bitterster Armut. Das Geld, der Glanz in Grundbesitz wie Lebensweise liegt in den Händen jenes Gemisches von Juden, Armeniern, Griechen usw., kurzum: der Levante, die Land und Volk und – Fremde in übelster Weise aussaugt, wie sie das genau so in der Türkei tat und heute wiederum tut. Richtig, die Türkei“! Sie tut alles, um die Aegypter für Besuch ihres Landes zu gewinnen. Der immer wiederholte Appell aber findet kaum Anklang. Die Türkei hat mit ihrer Abkehr vom Islam die Resonanz in dem moslimischen Aegypten verloren. Und doch unterliegt fraglos die islamische Kultur auch in Aegypten mehr und mehr dem Einfluß des Abendlandes. Mit Aeußerlichkeiten fängt es an, genau wie einst in der Türkei. Ging vor gar nicht langer Zeit noch die Aegypterin auch der Städte streng in ihrer – modernisiert übrigens sehr kleidsamen – Tracht, so meint sie heute, wenigstens in den größeren Städten, in dem europäischen Hut viel schöner und vornehmer zu sein, und nur der Schleier über dem Hut deutet das einstige Gebot der Zurückhaltung weiblicher Schönheit noch an. Wüßten sie, wieviel schöner sie oft in ihrer kleidsamen Tracht mit dem zarten Hauch des Schleiers aussehen, wie lächerlich umgekehrt in dem Gemisch von europäischer und orientalischer Tracht, ich glaube, sie würden die Mode Europas bzw. ihrer geschmacklosesten Form nicht eintauschen gegen den dereinstigen Charme der eigenen Tracht!

Eine andere Frage ist es, weshalb die ägyptische und speziell arabische Frau bei der Hitze ihres Landes sich fast durchweg in Schwarz kleidet, während doch weiße Farbe der Kleidung für das Klima die natürliche wäre. Ob da etwa die männliche Eifersucht – schwarz verdeckt natürlich Form und Schönheit wesentlich mehr als ein helleres Gewand – grundlegend war, ich weiß es nicht. Jedenfalls wäre dieser Quälerei in einfachster Weise und angepaßt an Tradition und Eigenart abzuhelfen. Und es sei der an sich in ihrer Art wirklich schönen Aegypterin noch gesagt, daß ihr das natürliche Schwarz ihres Haares unendlich viel besser steht als das künstliche und „krankhafte“ Blond der Mode, das sie heute vorzieht. Dem Aegyptenreisenden fällt ein Uebel nach kurzem Aufenthalt schon auf: Außerordentlich viele Aegypter schielen. Das grelle Licht im Verein mit dem feinen Staub mag die vielen Augenkrankheiten wohl erklären. Ob aber auch die ungeheure Verbreitung des Schielens damit zusammenhängt, möge berufenem Urteil überlassen bleiben! – Ein wunderbares Erinnerungsstück an die Geschichte der türkisch-mameluckischen Zeit des Landes bildet die Zitadelle, die von ihrer Höhe herunter die Stadt Cairo beherrscht. Uns Deutsche, die wir Achtung und Ehrfurcht empfinden vor der geschichtlichen Vergangenheit unseres Landes und Volkes und heute diese Achtung Gottseidank wieder bekennen dürfen, mutet es schmerzlich an, sehen zu müssen, wie ein solches Dokument völkisch-historischer Entwicklung geradezu verkommt und verdirbt. Und kaum anders trifft es den Deutschen in seiner tieferen Anschauungsweise, wenn er dicht an den Pyramiden von Gizeh, von dürftigem, häßlichem Bretterzaun umgeben, den geschmacklosen Kastenbau einer Art von Palais sieht. Auf die erstaunte Frage, was denn das für ein Kasten sei, lautet die Antwort: „Es ist ein kleiner Palais, in dem der König illustre Pyramidenbesucher, die seine Gäste sind, bewirtet. – Schade, wie es um so vieles schade ist, was den Beschauer stört, der die Größe und Schönheit der uralten ägyptischen Kultur in stiller Andacht genießen will! -- In Cairo haben wir auch ein deutsches Restaurant besucht. Es heißt „Finish“. Die deutsche Flagge habe ich darüber vermißt. Was es dem Besucher bietet, ist gut. Weniger erfreulich war es uns, sehen zu müssen, wie ein deutsch-sprechender Besucher – hoffentlich trotzdem kein Deutscher! – seine Füße auf einen herbeigezogenen zweiten Stuhl legte, während seine Begleiterin ihrem Hunde seine Platz auf dem … Eßtisch anwies. „Streiflichter“, wie ich anfangs sagte! – Unser Führer durch das Nationalmuseum in Cairo war ein recht gut Deutsch sprechender Araber, Abbas Mohamed Said, mit der polizeilichen Führer-Nummer 169. Als er nach wirklich ausgezeichneter Führung um eine schriftliche Anerkennung bat und auf dieser – ich gab sie ihm aus vollster Ueberzeugung herzlich gern – meinen islamischen Namen las, stutzte er. Und als ich ihm die Richtigkeit dessen bestätigte, wollte er mit aller Energie den empfangenen Lohn mir zurückgeben. Da ich das zurückwies, bat er meine Frau und mich, seinem Hause in einem Dorfe unweit von Cairo die Ehre zu erweisen, darin seine Gäste zu sein. Leider haben die Umstände es uns nicht erlaubt, die Einladung anzunehmen. Aber Abbas Mohamed Said war unser Gast im Hotel zu einer Tasse Kaffee. Ich kann ihn jedermann als ausgezeichneten und ehrlichen Führer durch Cairo und Umgebung wärmstens empfehlen. -- Und nun schwimmen wir durch das heiße – d.h. die Hitze brütet ja darüber – Rote Meer, Djibuti entgegen. Das „Greenhorn“ weiß vor Tropenhelm, Whisky-Soda, die Damenwelt vor (nebenher nicht immer reizvoller!) „nudité“ kaum zu bestehen. Wie gruselig, sogar Haifische haben wir in Schiffsnähe schon gesehen! Ja, es ist heiß, ganz gewiß. Aber auf einem europäischen Schiff ist in jeder erdenklichen Form wirklich so gut vorgesorgt, daß der ehrliche Erzähler schon eingestehen muß: Es ist selbst im Roten Meer unweit Djibuti ganz erträglich; und die Haifische sind auf dem Schiff selbst auch ungefährlich. – Wenn etwas stört, so ist es höchstens die Neugierde der zahlreichen mitreisenden „Kollegen vom fach“, die immer nicht recht wissen, wie sie den „Anfang“ für die Befriedigung ihrer Neugierde finden sollen. Erstaunlich, welcher Schwarm von Reportern, Filmoperateuren usw. aus aller Herren Länder augenblicklich den gleichen Weg nimmt, den nach … Adis-Abeba!

Addis Abeba, 2. August 1935.

III.

Am frühen Morgen des 22. Juli lagen wir vor Djibouti. Dem Ausbooten unter dem üblichen Geschnatter der Schwarzen wohnten, erkennbar an der dunklen Rückenflosse über der Wasserfläche, die Haifische bei. Die Bestien, dort unglaublich frech, sind oft unerwünschte Gäste sogar im Hafen. Kürzlich erst wieder sind Kinder beim Baden ihrer Gier zum Opfer gefallen. Der erste Blick vom Kai in das Hafenwasser zeigte uns in ihren schmuckhaften Farben zahlreiche kleine Fische, wie wir sie als kostbare Exemplare in unseren Aquarien zu sehen gewöhnt sind. Ein Segen, daß ein Mitglied der Familie Rhigas, der seit 1900 das Hotel Continental – dorthin begann in tadellosen Autos die Prozession der Ausgebooteten – gehört, dem von allem Trubel fast völlig verwirrten Reisenden jedwede, aber auch wirklich jedwede, Sorge schon von der Schiffskabine an restlos abnimmt. Ob es die Paßformalitäten sind, ob Zollverpflichtungen, ob Transport von Mensch und Gepäck, ob Geldwechsel, ob postalische Wünsche, alles erledigt Familie Rhigas, und für den Deutschen die schon in Deutschland uns warm empfohlene Persönlichkeit des tüchtigen Arabers Ali Bahdon, der seit seinem 6. Lebensjahre Kind des Hauses Rhigas ist. Hätte Dante, der große italienische Dichter, Gelegenheit gehabt, auch nur einen kurzen Aufenthalt an der Somaliküste zu nehmen, er hätte diesen benutzt, um die Höllenqualen seines Inferno noch schrecklicher zu gestalten. Backofenglut brennt unbarmherzig durch staubgeschwängerte Luft. Und in diesem Inferno leben Europäer z.T. viele Jahre ununterbrochen! Und hier gibt es zum Segen der Reisenden eben jenes Hotel Continental mit seiner Bauweise so, daß die Räume selbst auf beiden Seiten innerhalb breiter Veranden liegen. Ueberall geben von eigener Kraftanlage des Hauses betriebene Ventilatoren sich Mühe, durch Herumrühren des Glutdunstes von ca. 50 Grad eine Kühlung wenigstens vorzutäuschen. Duschräume und Bad fehlen nicht und bedeuten dem rasch erschlafften Körper trotz beinahe heißer Temperatur des Wassers unendlich viel. Eine deutsche Eismaschine ermöglicht den unerläßlichen Massengenuß an gekühlten Orangaden, Limonaden, an Sodawasser mit und ohne Whisky und an – deutsches Bier. Wie die Hotelleitung es fertig bringt, unter den klimatischen Verhältnissen dort eine erstklassige Kost vorzusetzen, muß ihr Geheimnis bleiben. Der Europäer, auch von dem schwarzen Personal in aufmerksamster Weise betreut – ja, wirklich „betreut“! – muß dem Hotel Continental jedenfalls Dank wissen. – Wie jeder „Schatten“ ja ein „Licht“ voraussetzt, so hat auch die Gluthitze in Djibouti ihr Gutes. Ihr nämlich flieht selbst das ekle Gewürm und Kriechgetier, das in den Tropen sonst das Grausen des Europäers bildet. Spannenlange Heuschrecken schwirren wohl umher und erschrecken, wenn sie mit kräftigem Aufschlag einmal den Kopf treffen. An den Wänden – auch in den Zimmern – huschen blasse Eidechsen, fallen ungewollt auch mal dem Schläfer aufs Gesicht. Doch sie sind harmlos und als Insektenvertilger nützlich. Von den bösen Quälgeistern der Tropen, den Moskitos, ist Djibouti frei. Sogar Bazillen, die die des Typhus und anderer bekannter Erkrankungen heißer Länder, sind der Glut von Djibouti abhold. Bekannte Freunde von Europa her dagegen fehlen selbst hier nicht. Es sind die Sperlinge, Krähen, die Mäuse und Ratten, die wir hier wie überall treffen. Und im Gegensatz zum Menschen weisen Tiere gleicher Art auf der ganzen Erde die gleiche Sprache, die gleichen Eigenarten auf. Zu meinem Entsetzen dagegen erkannte ich an einer der Jammergestalten, die, auf dem Boden herumrutschend, dem Europäer Almosen heischend ihre Gebrechen zeigen, den furchtbaren „Aussatz“ der Bibel, die Lepra, und dies nicht nur in einem Einzelfall. Es ist unerfindlich, wie es in einer französischen Kolonie möglich ist, daß Leprakranke im Knäuel der bettelnden und ihre Waren darbietenden Eingeborenen sich dem Europäer nahen und – wie ich es in einem falle sah – ihn sogar „berühren“ können, um auf sich aufmerksam zu machen! Ich sprach mit Franzosen der Kolonie darüber. Ein vielsagendes Achselzucken. Und ich sprach mit ihnen über einen weiteren Punkt, der mir auffiel, das z.T. geradezu unverschämte, fast durchweg aber der gewohnten Achtung vor dem Weißen entbehrende Verhalten der eingeborenen Bevölkerung. Ein Streiflicht: Als meine Frau, im Augenblick leider von mir getrennt, einem der andrängenden Autos im Getümmel nicht rasch genug auszuweichen vermochte, gab einer der Schwarzen ihr einen Stoß gegen die Schulter, so daß sie seitwärts flog. „Was wollen Sie, mein Herr? Ich als Franzose habe vor kurzem erst mitten auf dem Marktplatz mit einem unverschämten Eingeborenen mich schlagen müssen. Und ich habe obendrein besorgen müssen, daß man mich für meine tatkräftige Abwehr zur Verantwortung zog. Das ist der Geist unserer von internationaler Gefühlsduselei getränkten Kolonialpolitik“. So peinlich der Europäer diese aus völlig verfehltem und rassisch dekadentem Liberalismus geborenen Mißstände empfindet, so muß er und muß gerade auch der Deutsche die Höflichkeit, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft des französischen Beamten anerkennen, mag dieser in den von Fell- und Gewürzduft geschwängerten Zollräumen, in der Direktion der Bahn oder an sonstiger Stelle des Verwaltungsapparates sitzen. Wie überall im Orient, liegen die einheimischen – vorliegend gemeint die französischen – Geschäfte in schwerem Kampfe einerseits mit den allbekannten „Levante“-Firmen, andererseits aber mit dem Massenangebot der geradezu unglaublich billigen japanischen Waren. Das Verhältnis bzw. Mißverhältnis der Preise zwischen französischer und japansicher Ware ist z.T. geradezu ungeheuerlich. Das Verhältnis bzw. Mißverhältnis der Preise zwischen französischer und japanischer Ware ist z.T. geradezu ungeheuerlich. Französische Textilerzeugnisse, die in der französischen Kolonie z.B. nicht unter 15 – 20 Franc verkauft werden können, werden in japanischer Herkunft für 5 Franc geliefert. Mehr und mehr erringt die japanische Industrie aller Art in Afrika, wenigstens in den hier in Frage kommenden Strichen, sich geradezu Monopolstellung. Ein kleiner „Gewinn“ der französisch-russischen Freundschaft nebenher: In Djibouti wurden uns .. Sowjet-Streichhölzer gereicht. Eine geradezu hervorragende Organisation weist trotz der bitteren Not auch heute noch das große Geschäftshaus der Firma Bertrand & Co., die „Grands Comptoirs Francais“, auf. Den Deutschen erfreut es gewiß, feststellen zu dürfen, daß in diesem Unternehmen, dessen Besitzer von ausgesprochen deutschfreundlicher Einstellung ist, unter ganz einfach allen, was der Mensch überhaupt benötigen könnte, -- ich fand sogar für mein zerbrochenes Einglas Ersatz -- , in erheblichem Umfange deutsche Erzeugnisse geboten werden. Das Haus vertritt mit regster Reklame die deutschen Firmen Voigtländer, Bayer, Hackerbräu, Haller, Dohner u.a. Richtig, da fällt unser Freund Ali Bahdon mir wieder ein. Mit einem Deutschen gemeinsam betreibt er einen ertragreichen – Ali ist ein vermögender Mann und Besitzer mehrerer Häuser – Handel mit Därmen, die an die bekannte Wurstfirma Heine geliefert werden. Ali, ein stämmiger, brauner Araber, hat in früher Jugend beim Zirkus Sarrasani gearbeitet. Er spricht recht gut Deutsch, hat sich eine geradezu rührende Anhänglichkeit an Deutschland bewahrt und ist der wohl wertvollste Berater und Helfer aller Deutschen, die Djibouti passieren. Dabei ist Ali von einer kaum faßbaren Selbstlosigkeit. Jede geldliche Anerkennung weist er ebenso zurück wie jeden Tropen Alkohol. Uns war er Freund und Helfer bis hinein in unser Abteil des Expreßzuges nach Adis-Abeba. Zwei Tage unseres ungewollt langen Aufenthaltes in Djibouti aber war Ali nicht auffindbar. Des Rätsels Lösung: Wer, wie Ali, geliebt und geachtet wird, hat andereseits, zumal als wohlhabender Mann, auch Neider, Feinde und Anschwärzer. So hatte man Ali politischer Umtriebe wegen angezeigt. Erfolg: Ali hat eineinhalb Tage im Gefängnis zubringen müssen, bis er wegen Mangels an Beweisen wieder entlassen werden mußte. Ali-„Baba“ (Vater Ali) ist Gründer und Präsident der „Société finfaisante islamique de Somali“, deren Vereinszeichen neben den bekannten Emblemen des Islam zwei ineinander greifende Hände darstellt. Wer die französische Sprache nicht recht beherrscht, könnte die Vereinsbezeichnung wohl übersetzen in: „Afrika den Afrikanern!“ – Man weiß das und hält natürlich die Augen offen.

Die Bewegung, die mehr und mehr Boden gewinnt und in ganz Somali schon offen oder geheim Zweigstellen hat, hat wesentlich dazu beigetragen, die religiösen Gegensätze in den abessinischen Vorgängen gegenüber dem Prinzip des Zusammenhaltes der schwarzen Rasse zu überbrücken. Die französische Regierung sieht die fortschreitende Verbrüderung der Eingeborenen im Zusammenhang mit dem abessinischen Konflikt nicht mehr ganz unbedenklich an. Vor etwa einem Monat trafen zunächst 250 Senegalesen ein. Und jetzt liegt vor Djibouti in friedlichster Nachbarschaft mit einem kleinen italienischen Aviso – die Besatzungen beider Schiffe sieht man in Djibouti freundschaftlich vereint – ein Tankschiff der französischen Marine. Es brachte nebst größeren Mengen Stacheldrahtes 4 Kanonen und 22 Maschinengewehre. All das zu beobachten waren uns acht Tage „vergönnt“. Und beinahe hätte die rötliche Erde des Landes meine sterbliche Hülle für immer aufgenommen. Nur der vorzüglichen Hilfe des französischen Chefarztes des französischen Garnisonlazaretts im Verein mit aufopferndster Pflege meiner Frau dankte ich die Rettung meines durch schwerste Toxinvergiftung in schmerzhaftesten Muskelkrämpfen sich windenden Körpers, dessen Gliedmaßen von unten her bereits zu erkalten begannen. Und dankbar gedenke ich auch der täglichen Besuche des ethiopischen Konsulatssekretärs, eines taktvollen, fein gebildeten und klugen Menschen, der mich in so mancher Richtung in die Verhältnisse seines Landes theoretisch eingeführt hat. Und dann schlug glücklich die Stunde der Abfahrt im „Expreß“ der ethiopisch-französischen Bahn. Bis zur Abfahrt das übliche Tohuwabohu. Es ist eines der Rätsel des dunklen Erdteils, wie es möglich ist, daß man letzten Endes doch immer alle seine Gepäckstücke – man nimmt ja grundsätzlich zuviel mit! – wiederfindet, nachdem ein Dutzend schwarzer Hände, nur scheinbar ohne Regie – sie einem fortgerissen hat. Wir waren ja in Obhut unseres Hotels und unseres Freundes Ali. Ich habe in deutschen Zeitungen von der moskitonetzgeschützen Fahrt gelesen. Leider muß ich sagen: Kein Wort davon ist wahr. Es gibt in dem Zuge keine Moskitonetze; und wir haben auch nichts gespürt von Moskitos. Die Waggons sind eine etwas „wacklige Angelegenheit“. Der ängstliche Reisende sucht vergeblich nach einer Notbremse. Ventilatoren spenden Kühlung, d.h. solange sie laufen; und das ist gemeinhin nicht allzulange der Fall. Der Zug führt wieder einen Schwarm von Journalisten mit sich. In unserem Abteil reisten 2 Abessinier, die ihre Studien – der eine Arzt, der andere Tierarzt – in Amerika absolviert hatten und nun in ihre Heimat zurückkehrten. Der eine der beiden prächtigen Männer brachte eine dunkelhäutige Amerikanerin als Gattin und ein Kindchen mit, ein allerliebstes braunes „Seifenpüppchen“, wie wir solche in Deutschland finden. Nicht auf diese famosen und taktvollen Menschen anwendbar, steht im übrigen die Tatsache fest: Viele der zahlreichen Abessinier, die auf den amerikanischen Neger-Universitäten studieren, bringen von dort vereint mit einer ungesunden Ueberheblichkeit – auch gegenüber ihren eigenen Landsleuten – und einem lächerlichen Dandytum den ganzen Haß ihrer schwarzen Brüder drüben gegen die weiße Rasse mit sich. Mit uns fuhr – ein gütiges Geschick hat es so eingerichtet – der Generalinspekteur des abessinischen Zollwesens, Herr Aradom K. Otku aus Dire-Daoua. Mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit und gleicher Tatkraft hat dieser Herr uns alle Schwierigkeiten abgenommen für die sonst so lästigen Zollobliegenheiten; ja, er hat sogar unserer Unterbringung während der nächtlichen Fahrtunterbrechung in Dire-Daoua sich mit viel Mühen angenommen. Alle Reisenden werden ihm ein dankbares Gedenken bewahren. Und die Fahrt selbst: Sie führt durch ungefähr alle Phasen afrikanischer Landeseigenart. Da „wackeln“ – so ists schon – wir zunächst durch glutheiße Dornensteppe. Auch in dieser, wenn auch nur dann und wann, tritt uns menschliches Leben entgegen. Kümmerliche Hütten und Zelte aus Lumpen. Kleine Herden von Ziegen und Schafen. Dann und wann auch mal Esel und Kamele. Nahe der abessinischen Grenze beginnt das Land seltsame Gestalt anzunehmen. Kohlschwarze Blöcke in allen Größen und Formen liegen wie von Dämonenhand geworfen umher – Lavafelder; und am Horizont schwelt Qualm aus noch tätigen Vulkanen. Die gleiche Landschaft, noch wilder, noch schwärzer, noch grausiger – darin die unsagbar trostlose Oede eines Salzsees, von Mensch wie Tier gemieden – gleitet später im abessinischen Lande an uns vorüber. Es sieht aus, als sei das furchtbare Geschehen, das diese Trümmerstätten schuf, vor kaum einigen Jahren gewesen. – Da, krach, infolge der schon betonten „Wackelei“ des Expreß saust von der hohen Gepäckrast herab ein schwerer Koffer und trifft mit einer Spitze meinen Oberschenkel. Noch heute ist der Schmerz nicht restlos verschwunden; glücklicherweise aber ists ohne ernsten Schaden abgegangen. Und nun die große afrikanische Steppe mit ihrem aus Filmen uns ja schon bekanntem Bilde: Das wogende gelbliche Gras, die Schirmakazien, überall die grotesken Formen der Termitenbauten, an allen Bäumen die kunstvoll gefertigten hängenden Nester der Webervögel. Und bald belebt sich das fremde Bild mit fremden Gestalten von Mensch und Tier. Da sitzen auf Felsblöcken die verschiedenen Affenarten, jagen davon, auf den Rücken die Kleinen mit sich nehmend. Verächtlich dreht ein riesiger Mantelpavian uns seine schmuckhaft rot leuchtende Kehrseite zu, als wir heran-„wackeln“. Gazellen und Antilopen äugen neugierig oder traben geruhsam davon. Vögel aller Arten, Größen und Farben bekommen wir zu Gesicht, mächtige Adler und Geier, die in den Lüften kreisen oder auf Felskuppen Ausschau halten. Hie und da ringelt von einem Baum herab eine große Sachlange ihren Körper träge ins Gras hinein. Zebras, Leoparden und Löwen, die diese Gegenden im Verein mit anderem Raubgetier bevölkern, haben wir nicht gesehen, wohl aber die schleichende Hyäne und den lauschenden Schakal. Mehr und mehr nimmt allmählich die Landschaft gebirgigen Charakter an. Dann und wann führt die Strecke auf kühn angelegten Brücken über tiefe Schluchten und reißende Flußläufe. Immer fruchtbarer – mit üppig grünen, wundervoll blühenden Kakteen, hochaufgeschossen wie Bäume – und mehr besiedelt wird das Land. Ackerbau beginnt. Es wird gleichzeitig kühler und schließlich nahezu kalt. So wenigstens empfanden wir diese Kühle, die der eines deutschen Septembertages entsprechen mag. Sauber und blumenumrankt sie Häuser der Bahnstationen. Da – ist’s möglich? – eine heißt, im Bergland gelegen, „Gotha“. Mit Schaudern denken wir nur zurück an die Nacht in Dire-Daoua, einer der drei größten Städte Ethiopiens. Nicht der Sturm war’s, der in der Nacht uns keinen Schlaf tun und uns fürchten ließ, daß das Haus einstürzen können, sondern die – Betten in dem griechischen Hotel, das uns aufnahm. Sichtlich hatte die Bettwäsche unter den schmutzigen Moskitonetzen schon zahlreichen Reisenden vor uns dienen müssen; abgesehen von der Gesamtfarbe ließen unverkennbare Spuren darauf schließen. Dies die nächtliche Unterbrechung unserer Fahrt in Dire-Daoua. Um die Mittagszeit wurde mit einstündiger Fahrtunterbrechung auf einer Station das Mittagessen gereicht. Es war ebenso ausgezeichnet wie reichlich und dabei preiswert. Und dann – am Abend des 30. Juli – Ankunft in Adis-Abeba (d. i. neue Blume). Von englischen Reisefreunden, die inzwischen uns wirkliche Freunde geworden sind, am Bahnhof erwartet, hatten wir wieder einmal Glück. Herr Heft, der mit seiner tüchtigen Gattin, einer alten Deutschostafrikanerin, die Pension „Deutsches Haus“ unterhält, nahm uns in seine Fittiche, d.h, sein Auto. Im „Deutschen Haus“ haben wir bei prachtvoller deutscher Kost und Sauberkeit tatsächlich mitten im fremden Afrika ein deutsches „Heim“ gefunden, in dem wir geruhsam nachdenken können über die bunten Eindrücke, die auf Schritt und Tritt außerhalb der deutschen Heimstätte uns begegnen. Und wie auf einer Insel lauschen wir unter dem sternenbesäten Nachthimmel, aus dem auch das „Kreuz des Südens“ uns leuchtet, den vielseitigen Stimmen der afrikanischen Nacht, dem Gebell der herrenlosen Hunde, dem Meckern der Schakale, dem Aufheulen der Hyänen, die vereint – taktvoll zu nächtlicher Zeit – die „Aufräumungsarbeiten“ selbst in den Straßen der Stadt ausführen. Im übrigen wechselt leuchtender und wärmender Sonnenschein mit Gewitterdunkel, aus dem grelle Blitze zu rollendem Donner zucken, und Regengüssen, wie man in Europa kaum überhaupt sie sich vorstellen kann.

IV.

Der ethiopische Außenhandel

Adis Abeba, 4. August 1935.

Die Regelung und Kontrolle des ethiopischen Außenhandels liegt in den Händen des Handelsministeriums in Adis-Abeba. Der Chef des Ministeriums ist Herr Ato Makonnen Habte Wold, ein Vollblutabessinier, dessen Alter die Mitte der dreißiger Jahre kaum übersteigen dürfte. Herr Makonnen ist der Prototyp dessen, was man bei uns vulgär mit dem Wort „Arbeitstier“ zu bezeichnen pflegt. Tatsächlich arbeitet der jugendliche Minister 14 – 16 Stunden täglich und leistet mit seiner Tatkraft und Intelligenz unsagbar Wertvolles für seinen Herrscher, sein Volk und Land. Ihm zur Seite steht für kommerzielle wie technische Fragen ein Deutscher, der Chemiker Dr. Kurt Ewert, ein Mann von hervorragender Intelligenz und praktischer Fähigkeit. In Ethiopien – der Abessinier will von der Bezeichnung „Abessinien“ und „Abessinier“ nichts wissen – seit 11 Jahren weilend, befindet Dr. Ewert in seiner jetzigen Stellung sich seit 6 Jahren. Fließend beherrscht er in Wort und Schrift Amharisch wie Galla, die Hauptverkehrssprachen des Landes. Darüber hinaus aber spricht er Arabisch kaum minder wie die europäischen Gebrauchssprachen. Als Ministerialrat im Innenministerium ist er zugleich Leiter der Abteilung „öffentliche Gesundheitspflege“. Das Handelsministerium ist in der Tat vorzüglich organisiert und stellt den wesentlichen Faktor des gesamten ethiopischen Wirtschaftslebens dar; denn den weitaus größten Teil der Einkünfte des Staates bilden die Ergebnisse aus den Import- und Exportzöllen. Nebenher: Europäer zahlen hier weder direkte noch indirekte Steuern. Die Struktur des Zolltarifs ist folgende: Für jede Provinz ernennt der Handelsminister einen Nagadras, d. i. Chef („Haupt“) des Handelns, dem sämtliche Zollstationen unterstehen. Die Hauptzollstationen sind:

  • 1. Adis-Abeba, wo der Im- und Export, der über Djibouti läuft, bearbeitet wird;
  • 2. Dire-Daoua mit dem gleichen Arbeitsbereich;
  • 3. Harrar mit dem Arbeitsbereich Djibouti und Berbera;
  • 4. Djigdjigga mit dem Arbeitsbereich Berbera;
  • 5. Wollo mit dem Arbeitsbereich Außa;
  • 6. Jedjou mit dem Arbeitsbereich Eritrea;
  • 7. Gore mit dem Arbeitsbereich Gombela (im anglo-ägypt. Sudan)
Darüber hinaus gibt es etwa 12 weitere kleinere Zollstationen für Im- und Export, die aber weniger Bedeutung haben, wie z.B. Ginir (Prov. Bali), Gardula (Prov. Borana), Kellem (Prov. Sayo), Adua (Prov. Tigre), Kesalla (Prov. Semien) und einige Zollstationen in den Provinzen Godjam und Gonder, die von Dergusch (Sudan) beliefert werden. Von den zuerst aufgeführten 7 größeren Zollstationen existieren sehr genaue Import- und Exportstatistiken, während von den kleineren solche bisher noch nicht gefertigt wurden. Der Hauptexportartikel Ethiopiens ist Kaffee, nächstdem Ochsenhäute, Schaf- und Ziegenfelle, Wildhäute aller Art, Wachs, Zibet (zur Herstellung feinster Parfüme), Elfenbein, Gold und Platin.

Der ethiopische Zolltarif umfaßt etwa 2000 Artikel. Die Zollsätze betragen für alle Artikel mit Ausnahme von Wein, Schaumwein, Bier und Spirituosen, die unter 8% bezahlen, 10% der um 25% erhöhten cif Djibouti-Fakturen oder 10% der um 50% erhöhten fob-Fakturen. Außer dem Importzoll werden noch folgende Abgaben erhoben:

Schul-Abgabe: Für 10 Thaler Wert (Thaler = 1,10 RM.) 1 Piaster ( 6 ½ Pf.), Coty (für Plombierung, Bewachung usw) für 100 Kilogramm Ware 1 Thaler; Droits d’accise et de consommation je nach Warengattung 5 centimes (4 Pf.) bis 30% ad valorem. Es bezahlen beispielsweise Baumwollstoffe an droits baccise 5 – 15 centimes p. Kilogramm; Artikel aus Kunstseide 20% ad valorem; Parfümerien und Toilettseifen 30% ad valorem. Daher betragen die Einfuhrzölle für manche Artikel bis zu 45% des Fakturenwertes.

Ueber die Zollstation Adis-Abeba liefen im ethiopischen Jahre 1926 (d. i. v. 12. September 1933 bis 12 September 1934) für 8 075 542 Thaler Exportgüter. Deutschland importiert zur Zeit sehr wenig ethiopische Exportware, während noch vor wenigen Jahren ein erheblicher Teil der ethiopischen Häute und felle nach hamburg ging. Der Import Ethiopiens kann auf 20 – 22 000 000 Thaler pro anno geschätzt werden. Im ethiop. Jahre 1925 (1932/33) wurde in Adis-Abeba für 14 316 660 Thaler Importware verzollt. Davon fallen 6 551 279 Thaler auf „Abudjedid“, d. i. ungebleichter Baumwollstoff, meist japanischer Provenienz;

77 748 Thaler auf Kuta und Kudja, d.i. „Togen“, die ethiop. Ueberwürfe, die die Nationaltracht darstellen; 3 143 649 Thaler auf Dir und Mag, d.i. Webgarne japanischer und englischer Provenienz.

Aus dem Jahre 1926 (nach unserer Rechnung 12. September 1933 bis 12. September 1934) liegen bestimmte Angaben über das Verhältnis von Import und Export vor. Danach betrug der Export 15 054 305, der Import 21 875 440 Thaler. Ueberraschenderweise war und ist die ethiopische Handelsbilanz trotzdem aktiv, und zwar durch a) den unfühlbaren Export, b) den Touristenverkehr, c) die Gesandtschaften, die zahlreichen Missionen usw.

Deutschland liefert nach Ethiopien in erster Linie Medikamente, Chemikalien, Farben, und zwar insgesamt für etwa 250 000 Thaler. Dazu kommen für etwa 200 000 Thaler Eisenwaren. Der weiter Import aus Deutschland erstreckt sich auf Strumpf- und Wirkwaren, Geschirre (Emaille und Aluminium), Maschinen, Nähmaschinenersatzteile, Sicherheitsnadeln, billige Uhren, Bürobedarfsartikel, Photo- und elektrische Artikel, Vorhängeschlösser, Lampen und Sturmlaternen, Schuhleder und Schuhe, billige Seifen und Parfüme, Zigarren (das hiesige Tabakmonopol bezieht den an sich allerdings geringen Bedarf an Zigarren fast ausschließlich aus Deutschland) und Bier (der Firmen Beck und Dreßler). Alles in allen aber beträgt der Import Ethiopiens aus Deutschland nicht mehr als höchstfalls 2 000 000 RM. Nach sachverständiger Ansicht dürfte eine Steigerung des deutschen Exports nach Ethiopien durchaus möglich sein, insbesondere an Medikamenten, kaustischer Soda, Zement, Seifen, Eisenwaren, elektrischen Artikeln, kleineren landwirtschaftlichen Maschinen, Strumpf und Wirkwaren, Schuhleder und Photoartikeln. Hierzu wäre erforderlich eine wesentlich intensivere Bearbeitung des ethiopischen Marktes durch die führenden deutschen Firmen, deren Vertretung hier z.T. in Händen von Nicht-Deutschen liegt, die ganz naturgemäß ein spezielles Interesse am deutschen Export nicht aufbringen. Die deutsche Industrie sollte sich des Ansehens der deutschen Gesandtschaft in Ethiopien bewußt sein und durch weitaus regere Bearbeitung des hiesigen Marktes einerseits die rege Arbeit der Deutschen Gesandtschaft in deutschem Interesse fördern, andererseits aus rein egoistischen Erwägungen heraus den ethiopischen Markt sich nutzbar zu machen suchen!


V.

Addis Abeba, 4. August 1935.

Mein erster Empfang beim Kaiser von Ethiopien.

An einem der ersten Tage unseres Aufenthaltes in Addis Abeba war der mit Sorge um die Journalisten betraute Beamte des Kultusministeriums erschienen und hatte meiner Frau und mir den Willkommengruß seines Kaiserlichen Herrn überbracht. Am 1. August erschien er erneut und sprach uns die Einladung des Kaisers zu einer ersten Vorstellung am 3. August 5 Uhr nachmittags aus. Am Tage zuvor fragte bei einem der mit uns gemeinsam im „Deutschen Haus“ wohnenden Herren ein anderer Beamter des Ministeriums ganz leise und zart an, ob ich auch wohl einen – Frack hätte. War ich zunächst höchstlich erstaunt und belustigt, ganz innerlich vielleicht sogar ein wenig „indigniert“ ob solcher Frage, wo ich mit meinem Erscheinen vor dem Herrscher des Landes, dem mein Besuch galt, ja ganz natürlich zu rechnen hatte, so habe ich die Frage verstanden und – verziehen, als ich am nächsten Tage unter den Geladenen tatsächlich den Vertreter einer bedeutenden Presse in hellgrauem Straßenanzug , den einer anderen Zeitung im Gehrock mit … blauem Hemd, nochmals andersfarbigem Schlips und grauem Filzhut erschienen sah. Die Kraftwagen mit den Geladenen versammelten sich zu geschlossener Anfahrt. Der Herrscher Ethiopiens erwartete seine Gäste im Neuen Palais. Ja, über dies „Neue Palais“ ist viel gesprochen und geschrieben worden. Man macht dem Kaiser zum Vorwurf, bei der Not seines Volkes sich einen „üppigen Prunkbau“ geleistet zu haben. Als wir nun durch das Parktor um einen weiten Rasenplatz herum dem Schloß zubogen, waren wir auf das angenehmste enttäuscht. Da lag vor uns statt des erwarteten „Prunkschlosses“ ein in schlichten, edlen Linien ausgeführter einstöckiger Bau. Der Kaiser selbst hat dessen Form aus zahlreichen Entwürfen erwählt. Die „Schlichtheit“ also ist sein ureigenster Geschmack. In einem an die große Eingangshalle angeschlossenen Vorraum warteten wir, Engländer, Holländer, Amerikaner, ein Brasilianer, als Deutsche meine Frau und ich. Es währte nicht lange, da kam an uns die Reihe. Die Tür eines saalartigen Raumes öffnete sich. Der Blick fiel, zunächst beinahe geblendet, auf die gegenüberliegende Seite – Fenster, ganz Fenster, dahinter in üppigem Grün ein tiefer Park. Und dann – ja, hinter dunklem Schreibtisch, allmählich erst dem Auge in dunklen Konturen sichtbar werdend, da sitzt „jemand“ in tiefschwarzer Kleidung, eine kleine, in der Hülle der weiten Gewandung offenbar schmächtige Figur. Das Auge sucht das Dunkel dieser Figur zu durchdringen, in bestimmte Formen aufzulösen. Eine geraume Weile – inzwischen ist die Verbeugung geschehen – will es nicht gelingen, obwohl wir doch nächst dem großen Tische stehen. Ganz, ganz allmählich erst enträtselt sich aus dem Dunkel der aus Bildern uns schon bekannte Charakterkopf des Kaisers – dunkel die Hautfarbe, umrahmt von tiefschwarzem Kopf- und Barthaar. Und jetzt – da leuchtet es im Dunkel der Gesichtsform auf, rechts und links neben dem schmalen Grat der feingeschwungenen Nase. Es ist der Schimmer der Augen des Herrschers, den z.Z. mehr denn jeden anderen das große Weltgeschehen umwebt. Eine liebenswürdige Neigung antwortet unserem Gruß. Dann streckt eine Hand sich uns entgegen. Wir sehen sie zum ersten Male, jene schlanke, aristokratische Hand, von der soviel gesprochen wird, die Hand, die bisher das ethiopische Volk fest zu umschließen wußte, die Hand, in der heute mehr denn je das Geschick des Landes liegt. Mit freundlicher Geste deutet sie uns an, Platz zu nehmen. Inzwischen begann der Kaiser mit leiser, wohltönender Stimme zu sprechen. Frage um Frage stellt er, beginnend naturgemäß mit der, wie wir in seinem Lande uns fühlen. Die Konversation geht in Französisch, das der Kaiser ausgezeichnet spricht. Jeder Antwort folgt eine Pause. Man gewinnt den Eindruck, als denke er über jede Antwort seines Gastes nach. Wärmer, freier wird allgemach das Spiel von Frage und Antwort.

Hat unser Auge sich an den dunklen Rahmen der großen dunklen Augen da hinter dem großen Schreibtisch gewöhnt oder ists die leise Stimme – man sieht Tragik liegen über der zarten kleinen Figur da gegenüber, die Tragik eines großen Geistes, der für sein Volk und Land Bestes gewollt, die Tragik des machtvollen Mannes, der doch – selbst von den Nächsten – so wenig verstanden wird, der inmitten glänzenden Gefolges einsam, ganz einsam dasteht mit dem Schwung seines elastischen Denkens alle weit, weit voraus. Schaut das schwermütige Auge hinein in die dunkle Wolke tragischen Geschehens, dem auszuweichen des Kaisers bebendes Ringen ist? Wie er hier sitzt, einsam und sorgengequält, da ist es nicht der Herrscher, sondern der Mensch, dem unser Herz mit warmem Mitgefühl entgegenschlägt. Wer den Herrscher kennt, der spricht begeistert von seiner feingeistigen Bildung, von seinem Verständnis für alle Vorgänge, die in den Kreis seines vielseitigen Interesses traten, selbst für technische Dinge. Wer mit ihm zu tun hat, der erkennt sein rastloses Arbeiten und Schaffen vom frühen Morgen bis zum späten Abend an, sein Ringen um den Aufstieg seines Volkes, dessen Schwächen und Wundpunkte kaum einem so klar und vertraut sind wie gerade ihm. Mögen wenige heute die Größe dieses einsamen Mannes auf wild umbrandetem Thron erkennen, die Weltgeschichte wird dereinst Aufstieg, Glanz und Tragik seines Lebens schreiben. – Meine Gedanken schweifen einen Augenblick ab zu der immer wieder auftauchenden Behauptung, dieser Mann da vor uns habe den Weg zu seinem Throne sich frei gemacht durch Giftmord an der Kaiserin Saouditou. Einem glücklichen Zufall danke ich die Gelegenheit, den damaligen Geschehnissen tatsächlich bis auf die Wurzel nachzugehen. Die historischen Tatsachen widerlegen eindeutig und objektiv jede derartige Behauptung. Die Kaiserin war seit langem eine schwerkranke Frau, deren Tod man lange bereits und immer wieder erwartet hatte. Mir ist die Analyse ihres Urins bekannt geworden, die die Diagnose ihrer Aerzte deckt, wonach die Kaiserin in schwerstem Grade Diabetikerin war. Im letzten Stadium ihrer Krankheit litt sie zugleich schwer unter einer bösen Malaria. Das Bemühend er Aerzte, sie zu Diät wie zur Befolgung ihrer Verordnungen zu bewegen war vergebens. Die bigotte Einstellung ließ die Kaiserin meinen, auch das körperliche Heil in Beten und Fasten zu finden, dem sie sich ohne Rücksicht auf das geschwächte Herz in dem verfetteten Körper hingab. Immer wieder hat der jetzige Kaiser die behandelnden Aerzte – den Schweizer Arzt Dr. Meyenberger, der jetzt in Zürich lebt, den heute noch hier weilenden schwedischen Arzt Dr. Hanner und den inzwischen verstorbenen französischen Arzt Dr. Germain – gebeten, ja nichts unversucht zu lassen, um der Kranken zu helfen. Da, eines Tages, wieder den Einflüsterungen ihrer abergläubischen Umgebung folgende, ließ die Kaiserin, vielleicht auch vom Wahn hohen Fiebers gepackt, sich geweihtes Wasser auf das Haupt gießen. Die Schockwirkung der kalten Dusche hat das geschwächte Herz nicht mehr ertragen. Es begann auszusetzen. Die eiligst herbeigerufenen Aerzte fanden in diesem Zustande die Kranke vor. Stunden noch hat sie gelebt und vor den Augen ihrer Aerzte gerungen, bis das Herz endgültig zu schlagen aufhörte. Eindeutig und ganz gewiß einwandfrei haben die Aerzte und hat insbesondere der Arzt für innere Erkrankungen, Dr. Meyerberger, die Todesursache festgestellt. Und was dem entgegen gesagt und geschrieben worden ist, ist und bleibt eben nichts anderes als … Verleumdung. Leiser und leiser schwingt die zarte Stimme durch den großen Raum. Wieder streckt sich jetzt aus dem weiten dunklen Gewande die dunkle Hand sich uns entgegen. Schlank, zart und feinnervig liegt sie in meiner harten Hand. Unwillkürlich bemühe ich mich, den eigenen Druck zarter zu gestalten. Ein neigen des Hauptes, ein kaum angedeutetes Lächeln – oder wars eine Täuschung? -- ; und wir sind entlassen, um dem nächsten Geladenen den Raum freizugeben. Wie wir der Tür zuschreiten, umspielen und umbellen uns die beiden Hündchen des Kaisers. Klein, langhaarig, weißgelb, sind sie, anspruchslos in ihrer Rasselosigkeit, auch ein gewisses Zeichen der Schlichtheit des Mannes, den wir soeben verlassen. Noch eine Verbeugung an der Tür. Wir stehen draußen, um uns das Gewirr der anderen, in uns der Eindruck, den unauslöschbar der zarte, rassige Mann da drinnen, der tragikumwobene Herrscher Ethiopiens, hinterlassen hat.

VI.

Addis Abeba, 6. August 1935.

Meine Erlebnisse mit der „Bank of Ethiopia“.

Also ich will auf der „Bank of Ethiopia“ – ehemals eine englische Bank, heuie Institut der ethiopischen Regierung, jedoch unter englischer Leitung – mir ein Kontokorrent einrichten. Gewiß eine höchst einfache Angelegenheit; das heißt überall außer eben bei jener Bank. Man stelle sich vor: Ein Herr X kommt auf eine Bank, will bei dieser eine Summe von immerhin einigen dreistelligen Zahlen einzahlen, beileibe nicht etwa auch nur die Andeutung eines Kredites erbitten. Ich bin dessen gewiß, daß da – meinetwegen auch nach einfacher Feststellung der Personalien des neuen Kunden – jede Bank ohne weitere Umstände „zufaßt“. Nicht so die „Bank of Ethiopia“; und das liegt in erster Linie wohl daran, daß sie zurzeit noch sich in einer Monopolstellung fühlt. Da wird mir nicht etwa nur das übliche Antragsformular zur Unterschrift vorgelegt. Nein, ich soll für mich einen „Garanten“ stellen, soll eine Persönlichkeit unterzeichnen lassen, die dem hohen Institut vertrauenswürdig genug erscheint, die Einwandfreiheit eines Mannes zu attestieren, der von der Bank durchaus nichts will, sondern ihr „Verdienst“ zu bringen gekommen ist. Na gut, ein liebenswürdiger Deutscher würde sich gewiß finden. Also zahlen wir mal zwei ägyptische Pfundnoten ein und lassen wir deren eine uns gleich wechseln! Neue Ueberraschung. Nach Rücksprache mit der hohen Direktion erklärt, verlegen lächelnd, der Beamte, das gehe nicht- – „Nanu?“ Ja, da müsse erst einmal die deutsche Gesandtschaft eine Art Beglaubigung ausstellen und an die Bank senden. „Beglaubigung in welcher Richtung?“ – Hm, daß ich derjenige sei, der zu sein ich angäbe. Natürlich war meine Entgegnung sofort die, daß es doch wohl im internationalen Verkehr keine bessere Beglaubigung dieser Art gebe als den … Paß. Dem Beamten – ist die Bank of Ethiopia so ahnungslos? – leuchtete das ein. Also ging er mit meinem Paß wiederum ab zur hohen Direktion. Rückkehr und neues Wunder: Die Bank konnte nicht feststellen, ob die ägyptischen Noten auch noch in Gültigkeit seien! Man schlug mir vor, sie der Bank zu überlassen. Diese werde – selbstverständlich auf meine Kosten – die Noten nach Aegypten senden und – selbstverständlich ebenso auf meine Kosten! – ihre Gültigkeit sich teelgraphisch bestätigen lassen. Zeitdauer mindestens 10 Tage. Im Hin und Her der anschließenden Diskussion fand sich ein zweckmäßiger Ausweg, d.h. „zweckmäßig“ weniger als „lächerlich“. Der oben schon erwähnte gütige „Garant“ solle auf die zwei Banknoten seinen Namen setzen; es würde das als eine Art „Beglaubigung“ angesehen werden. Also nichts war’s mit dem Erfolge einer eineinhalbstündigen Erörterung auf der „Bank of Ethiopia“ an diesem Tage. In Kenntnis der liebenswürdigen Hilfsbereitschaft hiesiger deutscher Landsleute war mein Mut noch nicht auf Gefrierpunkt gesunken, wenn freilich meine Stimmung allmählich auf „heiß“ zeigte.

Tatsächlich war der gütige Helfer in Person eines der angesehensten Kaufleute hier mühelos gefunden. Er kannte seien Pappenheimer und erklärte sich lächelnd zu allem bereit. So unterzeichnete er den bewußten Antrag und schrieb auch fein säuberlich auf jede der zwei Banknoten seinen Namen. Na also! So wenigstens dachte ich an diesem Tage. Doch mit des Geschickes Mächten(vorliegend vertreten durch die Bank of Ethiopia) ist kein ewiger Bund zu flechten. Hoch zu Dreien – ich war doch ein wenig eingeschüchtert – zogen wir am nächsten Vormittage zur Bank. Fertig, nicht wahr? Nein, durchaus nicht. Inzwischen hatte das hohe Institut sich überlegt, daß für den Wechsel „so gewaltiger“ Summen denn doch auch die Unterschrift des angesehen „Garanten“ auf den Noten nicht genüge. Kurzum: In Abänderung de vortägigen Stellungnahme, deren sämtliche Bedingungen inzwischen also von mir erfüllt waren, verlangte man jetzt einen Brief des Herrn Garanten, mit dem dieser sich verpflichten sollte, „gegebenenfalls“ für einen durch Nichtgültigkeit der Banknoten der Bank entstehenden Verlust selbst einzustehen. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich nicht die Unverfrorenheit besaß, mit solchem Ansinnen an einen gütigen Helfer heranzutreten, aber auch nicht die nötige „Demut“, um auf solch‘ Verhalten die gebührende Antwort schuldig zu bleiben. Also – nach Oeffnung des Ueberdruckventils – kam ich zartfühlend auf meinen Antrag auf Eröffnung eines Kontokorrents zu sprechen. Aber auch da waren die „Bedingungen“ noch nicht restlos erfüllt. Man verlangte nunmehr eine „Visitenkarte“ von mir. Das war des Guten denn doch allzuviel. Hatte die Bank nicht am Tage zuvor eine gute Viertelstunde lang meinen Paß eingesehen? War ich etwa gekommen, um einen mehr oder weniger feierlichen „Besuch“ abzustatten? Also ich verneinte, erklärte, daß ich an einem Verkehr mit diesem Institut kein Interesse mehr nähme und verlangte meinen Antrag mit meinem und meines Garanten Unterschrift zurück. Höchst einfach, nicht wahr? Aber nicht auf der „Bank of Ethiopia“. Da nämlich war der Antrag inzwischen „registriert“; das „Registrieren“ also geht ersichtlich schneller dort als die eigentlichen bankmäßigen Aktionen. Und weil der Antrag „registriert“ war, sollte er nur durch einen ebenso schriftlichen Antrag wieder gelöscht werden können, und nur dann war die Möglichkeit des Rückempfanges der zwei Unterschriften möglich. Nun aber fürchtete ich trotz des besagten Ventiles „Explosion“. Darum flüchtete ich lieber unter Zurücklassung von Antrag und Unterschriften, mit denen das Institut glücklich werden möge. – Wieder war es ein gütiger deutscher Helfer, der meiner Not sich annahm. Er führte kich zu einem privaten Fianzierungsinstitut guten Rufes, zur „Societé Nationale d’Ethiopie“, die ich bei dieser Gelegenheit allen Interessenten warm ans Herz legen möchte. Was die „Bank of Ethiopia“ nicht übers Herz, beziehungsweise im Zeitraum von zwei Tagen nicht in den Kreis ihrer Kapazität brachte, bei der „Societé Nationale d’Ethiopie“ war’s im Handumdrehen erledigt, und ich bin auch ohne die Bank of Ethiopia meine Sorge los.

VII.

Addis Abeba, 8. August 1935.

Ethiopische „Versammlungen“

„Auf zum Auatsch!“ rief der eine der beiden sympathischen Vertreter der „Associated Preß“ uns zu. „Auatsch?“ Ja, Auatsch ist die öffentliche Verlesung eines Kaiserlichen Dekrets. Nun es war insofern ein Irrtum, als es diesmal eben nicht ein „Auatsch“ war. Statt dessen aber wohnten wir einer Versammlung bei, die die „Vaterländische Vereinigung“ zu Ehren einiger aus den verschiedensten Himmelsrichtungen des großen Landes gerade hier anwesender Mitglieder zusammengerufen hatte. Die Versammlung fand auf dem Platz statt, in dessen Mitte in prunkvoller Vergoldung das Reiterdenkmal Meneliks sich erhebt. Wir fuhren die kurze Strecke im Kraftwagen. Ja, das ist nun mal so. Hier tut man nur wenige Schritte zu Fuß. Selbst kürzeste Wege legt man entweder im Kraftwagen zurück oder aber zu Pferde oder Maultier. Möglichst soll jeder noch einen oder mehrere „Boys“ in seiner Begleitung haben. Der Ethiopier wird in seiner Geltung und Würde gemessen an der Zahl des vor und neben und hinter ihm – er selbst reitet – einhergehenden und gegebenenfalls „laufenden“ Gefolges, das wieder dann besonders glänzend ist, wenn es, Mündung in der Hand, Kolben über der Schulter, möglichst viel Gewehre, eventl. Auch Säbel, mit sich führt. Nie fehlt zudem der Schirm, übrigens der gleiche als Schutz gegen Regen und gegen Sonne. Da trabt oft eine ganze Heerschar mit einem trabenden, dunklen und vermummten Reitersmann einher. Die seitlichen Begleiter halten sich dabei an Mähne, Sattel und nötigenfalls auch Schweif des Tieres fest. – Auf dem Versammlungsplatz angelangt, wurden wir zunächst vom Chef der Polizei und seiner Mannschaft höflichst empfangen und auf die offene Veranda eines Hauses geführt. Dort saßen die illustren Teilnehmer, hohe Beamte und Vertreter der koptischen und – auch islamischen Geistlichkeit, erstere mit ihren hohen schwarzen Zylinderbaretts und dem silbernen Kreuz an der Kette über der Brust, letztere mit weißem Turban. Der Platz unten war angefüllt von der Masse des Volkes. Auf den ersten Blick mag diese den Ausdruck rassischer Geschlossenheit bieten. Bald aber gewöhnt sich das Auge daran, den Amharen (die Herrscherkaste des Landes) vom Galla, Somali usw. zu unterscheiden. Doch die Einigkeit aller Kasten, Schichten und Stämme, ihre Verbrüderung unter Zurückstellung aller ständischen, völkischen und religiösen Gegensätze – Aufgabe und Ziel jener „Vaterländischen Vereinigung“ – angesichts des drohenden Krieges sollte gerade hier uns vor Augen geführt werden. Reden wurden gehalten, die Menge zur Einigkeit, zur Hingabe an Volk und Vaterland gemahnt. Da standen und sprachen nach einander die offiziellen Mitglieder der Vereinigung, angetan mit militärisch anmutenden Khakiuniformen, aus deren üblicherweise die Beine ganz eng umschließenden und bis auf die Knöchel reichenden Hosen unten die nackten Füße hervorlugen, auf dem schwarzen Haar die Schirmmütze, um deren Rand ein grünes Band mit goldgestickter Inschrift. Einer von ihnen, ein junger, intelligent und lebhaft dreinblickender Amhare, sprach feuersprühend, ohne Konzept, seine Worte mit scharfen Gesten begleitend. Taktmäßiges Händeklatschen der Menge – man könnte sagen „in 3 Salven“ – spendete ihm Beifall. Da unterbricht ihn von links her ein Ruf aus der Masse. Es ist ein Galla, der seinen Ausführungen zustimmt und gleich ihm zu geschlossener Verteidigung des gemeinsamen Vaterlandes aufruft. Und nach einer Weile – gute Regie! – stimmt von rechts her aus der Menge ein Mohamedaner unserem Redner in gleichem Sinne zu. Dann singt ein Kinderchor ein ethiopisches Freiheitslied mit dem Inhalt: „Seien wir einig; so sind wir auch stark. Lieben wir unser Vaterland, so kann uns nichts geschehen!“ Kurze Ansprachen der Geistlichkeit beider Religionen folgen. Da kommt in die Menge auf dem Platz Bewegung. Eine freie Bahn entsteht dicht um das umfriedete Denkmal Meneliks. Rasch ordnet sich ein Zug. Und nun beginnt dieser sich in Marsch, in Trab, in Galopp zu setzen. Flinten, Gewehre, Karabiner aller möglichen Typen und Jahrgänge und krumme Säbel werden geschwungen. Eine Art „Fantasia“, in der spontane Kriegsbegeisterung der Menge aus allen Schichten und Stämmen sich dokumentieren soll. Zwei Grauköpfe, geschwungene Säbel darüber, fallen in der laufenden und schreienden Menge auf. Es sind Teilnehmer der Adua-Schlacht, deren Erfolg noch heute in den Abessiniern das Bewußtsein ihrer Ueberlegenheit über den jetzt drohenden Gegner wachhält, den gleichen, der damals blutig geschlagen wurde. Zettel mit dem Text des von dem Kinderchor gesungenen Liedes wurden verteilt. Und dann – gewohnheitsmäßig – laufen die Reden weiter. Das Volk verkrümelt sich nach und nach; und das gewohnte Leben und Treiben greift wieder Platz.

Es war am 6. August 1935, als wir wieder zur Teilnahme an einer Versammlung gerufen wurden. Diesmal galt sie der feierlichen Proklamierung der nunmehr offiziell erfolgten Gründung des Roten Kreuzes, dessen Präsidium der ethiopische Außenminister Platen Ghueta Herouy Wolde Selassie übernehmen sollte. Wieder führte der Kraftwagen uns mit viel Schlangenlinien-Marsch, Tier und Gefährt, alle gleich schwerfällig, – ausweichend – über das entsetzliche Pflaster der Stadt. Hier hat ein Straßenbaumeister anscheinend sich in besonders genialer Kunst „ausgetobt“. Er hat kristallartig spitze und scharfkantige Steine so eingebettet, daß gerade eben die Spitzen und Kanten das Erdreich überragen und eine Liliputnachbildung der Dolomiten als Pflasterung ergeben haben – besonders zuträglich für die Bereifungen, für Fußgänger vorzügliche Vorbereitung auf wagehalsige Bergsteigungen. – Und nun halten wir vor dem Hause mit dem Roten Kreuz über dem Eingang. Daneben ein Zelt, in diesem die Versammlung. Das Auge muß sich an das Dämmerlicht unter der rötlichen Zeltdecke gewöhnen. Dann sieht es am Schmalende auf flacher Bühne, die mit Teppichen bedeckt ist, einen thronartigen Stuhl. Auf diesem sitzt die bekannte Gestalt des „Neguse Negest“ (Königs der Könige), als des Herrschers von Ethiopien. Um ihn herum die Großen seiner Umgebung, unter ihnen einerseits der Charakterkopf des Dedjasmatsch (d. i. General der Mitte) Baltscha, eines früheren Widersachers des Kaisers, heute einer seiner nächsten Berater, neben diesem der Minister des Aeußeren; auf der anderen Seite ganz in der Ecke, eine weiß umhüllte Gestalt, deren „Détails“ nur schwer zu erkennen sind. Es ist der „Etschegué“, eine der mächtigsten und einflußreichsten Persönlichkeiten aus der Umgebung des Kaisers. Der Etchegué ist – nächste dem „Abuna“ (d. i. „Unser Vater“) – der höchste koptische Geistliche des Landes. De facto ist er das Haupt der Kirche Ethiopiens. Und das liegt so: Die koptische Kirche in ihrer religiösen Gesamtheit hat ihr Oberhaupt in Aegypten. Es ist der Patriarch, zu vergleichen etwa mit dem Papst der römisch-katholischen Kirche. Dieser schlägt als seine Stellvertreter für Abessinien dem Kaiser den „Abuna“ vor. Nach erteilter Einverständniserklärung reist der Abuna nach Ethiopien ab. Ursprünglich durfte er nach Antritt seiner Stellung in Ethiopien das Land nicht mehr verlassen. Diese scharfe Bestimmung hat der jetzige Kaiser gelockert; und zweimal schon hat der jetzige Abuna, Kyrillos mit Namen, seine ägyptische Heimat besucht. Das Nationalgefühl der Ethiopier aber verlangte außerdem ein national-ethiopisches kirchliches Oberhaupt. So schuf man – offiziell dem Abuna unterstellt – die Position des „Etschegué“. Es hat nicht lange gedauert, so hat dieser ethiopisch-nationale Kirchenfürst sich eine Geltung errungen, die ich faktisch und vor allem politisch bedeutsamer macht als den kirchlich ihm vorgesetzten „Abuna“. – Eine ganze Weile dauerte es, bis die Versammlung offiziell eröffnet wurde. Bis dahin arbeiteten die photographischen Apparate der Journalisten mit und ohne Blitzlicht, ging leises Geplauder hin und her, bellten dann und wann eines der beiden Hündchen (Lulu und Rosa), die – wie offenbar immer – die Füße ihres Kaiserlichen Herrn umspielten. Kaum sich bewegend, die eine Hand auf dem Stock, der Kaiser. Dann wurde Ruhe und Schluß der photographischen Arbeiten geboten. Der Kaiser – mit ihm die Versammlung –erhob sich und verlas mit seiner wohltönenden, ein wenig leisen Stimme das Dekret über die Begründung und Organisation des Roten Kreuzes. Nach Schluß seiner Rede, die anschließend in Französisch verlesen wurde, antwortete, ihm gegenüber Stellung nehmend, dem Kaiser der Minister des Aeußeren als nunmehriger Präsident des Roten Kreuzes von Ethiopien mit Worten des Dankes und einer Darlegung der jahrelang zurückliegenden Arbeit um dieser Organisation, die dank Kaiserlicher Gnade und Tatkraft nunmehr zu erfolgreichem Abschluß gekommen sei. Damit wurde die Versammlung geschlossen. Ein weißes Tuch, hinter dem gedeckt der Kaiser sich zum Aufbruch fertig machte, wurde vor die Bühne gehängt. Wieder dauerte es eine Weile; dann verließ der Negus den Versammlungsort und bestieg, gefolgt von seinen hohen Beamten, seinen Wagen. Wieder arbeiteten die photographischen Apparate. Der Wagen fuhr an. Polizisten jagten, um Ordnung und freie Bahn zu schaffen in dem Tohuwabohu von Menschen, Tieren und Wagen. Mit einiger Mühe fanden in dem Gewirr auch wir unseren Wagen und fuhren davon, unserem deutschen Heim zu.

VIII.

Addis Abeba, 9. Aug.

Der „Schwarze Adler“

Wer auf dieser Erde wüßte nicht von ihm? „Black Eagle“ schrieb ihn die Presse der englisch sprechenden Welt, „Aigle noir“ die in französischer Sprache erscheinende, „Tekur Nissr“ schließlich hieß er in der ethiopischen Zeitung. Spaltenreiche Artikel in den Zeitungen aller Länder waren ihm gewidmet, ihm, dem kühnen Negerpiloten, der mit Kampfflugzeugen aus den Mitteln der Negerbevölkerung Amerikas und von ihm selbst geschulten Piloten unterwegs sein sollte nach Ethiopien, um im künftigen Kriege der Schrecken des Feindes in der Luft zu werden. Eine fabelhafte Reklame! Wer hat sie gemanaget? Er selbst, der „Schwarze Adler“, der König der Lüfte, der Kaiserlich Ethiopische Oberst und Chef des Flugwesens. Seine Visitenkarte lautet: Colonel Hubert Julian „Black Eagle“ New York City. Und nun habe ich ihn gesehen, die Fabelgestalt der schwarzen Welt, habe ihn gesehen in dandyhaftem Zivilanzug von „Wedding“-Eleganz, das große Monokel an breitem, schwarzen Bande im Auge, stolz zu Roß, habe ihn gesehen auch in todchiker Khakiuniform, einen Streifen mehr am Aermel als ihm zusteht. Er ist „Kapitän“, also „Hauptmann“ der Kaiserlichen Armee. Doch gehen wir der Reihe nach: Vor etwa drei Jahren tauchte Hubert Julian zum ersten Male hier auf, und zwar mit der Behauptung, ein vollendeter Flugpilot zu sein. Sein Debut war ein Fallschirmabsprung. Damit hatte er imponiert. Er verstand es, sich das Vertrauen des Negus zu gewinnen, so daß dieser ihm ein Flugzeug anvertraute. Großer Tag in Addis Abeba. Der „Adler“ startet, d.h. er reißt die Maschine bis etwa 2 Meter hoch und bringt sie im nächsten Augenblick als Trümmerhaufen wieder zur Mutter Erde. Nur der „Adler“ selbst entwindet sich unverletzt dem Gewirr. Verständlich, daß der Kaiser ob des Verlustes der neuen, schönen Maschine erzürnt war. Verständlich andererseits, daß unser „Adler“ in Furcht vor dem Kaiserlichen Zorn – davonflog. Eine Zeit lang blieb es still um ihn. Dann plötzlich meldet die Presse aus Amerika, der „Black Eagle“ stehe vor einem Transozeanfluge. Eine Riesenreklame war in Szene gesetzt – von wem? Reporter jagten der Abflugstelle zu.

Da stand unser Held an seine Maschine „Abessinia“, gestiftet von den schwarzen Brüdern da drüben, die an sein Heldentum glaubten. Er stand in malerischer Pose und ließ sich photographieren. Der erste Akt der Komödie! Und dann geht’s los. Er schwingt sich in die Luft, huldvoll den Abschiedsgrüßen seiner Bewunderer dankend. Doch – was ist das? – einige Hundert Meter weiter und der stolze Vogel nimmt statt der Richtung auf und über den Ozean die ein wenig minder gefährliche Richtung auf die – Erde. Und damit war Schluß auch dieser Phase eines Heldenlebens. Dezember 1934 aber beginnt ein neuer Akt der „Adler-Komödie“. Ein Telegramm aus New York verkündet der aufhorchenden Welt: „Black Eagle“ eilt mit einer Staffel Jagdflugzeuge und geschulten Piloten dem Kaiser von Abessinien zu Hilfe, nachdem der Kaiser sein hochherziges Angebot telegraphisch angenommen und ihn zum Oberst und Chef des abessinischen Flugwesens ernannt habe. Das Letztere – d.h. sowohl die telegraphische Annahme wie auch besagte Ernennung – war ein kleiner Zusatz unseres Helden. Im Februar 1935 aber war der Adler wirklich da, d.h. in Addis Abeba. Er war allerdings nur ganz allein da, immerhin auch so gewiß ein Schreckmoment für den Gegner. Man denke: Der „Schwarze Adler!“. Fragte man ihn, wo denn die Flugzeuge und Piloten seien, hüllte er sich in geheimnisvolles Schweigen unter Berufung auf ein Kaiserliches Schweigegebot, das er allerdings nie erhalten hat. Monate gingen so dahin. Der König der Lüfte galoppierte inzwischen durch Addis Abebas Straßen. Sein Monokel blitzte, das schwarze Band wehte, seine gelben Reitstiefel leuchteten. Die Welt staunte. Auf wiederholtes Drängen um eine Verwendung – der kühne Reitersmann, um so „kühner“, als seine „Reiterei“ eine höchst problematische Angelegenheit war und ist – wurde Herr Julian ethiopischer Staatsbürger und erhielt, obwohl er vom Soldatsein nicht mehr wußte als von Adlerflugstücken, endlich sogar 250 Mann zu militärischer Ausbildung. Doch diese Kaiserliche Gnade war mit einiger „Vorsicht“ verbunden. Black Eagle übernahm die Schulung der Angestellten der Staatsdruckerei, der Staatsteppichweberei, der Staatsmanufakturen und der technischen Werkstätten des Palastes. Täglich von 7 – 9 Uhr früh leitet unser Held den Drill dieser Schar in den – Straßen von Addis Abeba; d.h. einige Unteroffiziere der Kaiserlichen Garde tun den Dienst „Black Eagle“ umkreist hoch zu Roß, monokelblitzend, seine „Truppe“, dies aber in blendender Uniform als „Hauptmann“ der Kaiserlich Ethiopischen Armee.