Da saß er nun, Wilhelm Harun-el-Raschid Hintersatz Bey, mit 59 Jahren erstmals in Kriegsgefangenschaft. Mit ungewissen Aussichten.

Die Zukunft seiner ehemaligen Untergebenen, muslimische Soldaten aus dem Gebiet der Sowjetunion - Usbeken, Aserbeidschaner, Tataren usw. usf. - sah definitiv düster aus. Auf der Jalta-Konferenz hatten sich die Großen Drei darüber verständigt, daß alle sowjetischen Staatsangehörigen nach dem Sieg über Hitler sofort zu repatriieren sind. Die Briten und Amerikaner entwaffneten alle Soldaten der Ostlegionen und des Osttürkischen Waffenverbandes und setzten sie in speziellen Lagern fest. Zusammen mit zivilen Flüchtlingen aus dem Kaukasus, die sich der Wehrmacht angeschlossen hatten, lieferten die Westalliierten die Soldaten schließlich an die Rote Armee aus.
Den Ausgelieferten drohte in der Sowjetunion der Tod wegen Hochverrat oder im besten Fall viele Jahre in einem sibirischen Straflager. Manchen gelang es zu fliehen und unterzutauchen. Unter denen, wo dies mislang, spielten sich teilweise dramatische Szenen ab: sie sprangen von fahrenden Zügen oder von den Deportationsschiffe, die sie zurück in die Sowjetunion bringen sollten. Es gab Suizide und Selbstverbrennungen. Diejenigen, die lebend in der Sowjetunion anlangten, wurden liquidiert oder wanderten für lange Zeit in den GULAG.

Wilhelm durchlief nach seiner Gefangennahme mit Sicherheit mehrere Lagern. Zunächst war er sicher in Italien und später in Deutschland interniert. Welche Orte er dabei konkret durchlief, ist aktuell nicht bekannt. Sicher ist nur, daß er sich vom 14. Juni 1946 bis zu seiner letztendlichen Entlassung aus der Gefangenschaft im Internierungslager Nürnberg-Langwasser befand.
Aus diesem wurde er am 4. April 1947 entlassen...

Sein Ziel: Husby in Schleswig-Holstein. Dorthin hatte es nämlich Milly und die beiden Jungs verschlagen.

Man kann davon ausgehen, daß diese im Frühjahr 1945 wie Millionen andere Frauen, Kinder und Alte auf die Flucht vor der Roten Armee gingen und sich dabei natürlich in westliche Richtung, hin zu den Amerikanern und Briten, bewegten. Die Nazi-Propaganda hatte seit Monaten die Angst vor den "russischen Horden" geschürt und wenn man ehrlich ist und den Berichten Glauben schenkt, war diese Angst vielfach nicht unbegründet.
Aus Fürstenberg, wo die drei bis zuletzt lebten, führte sie der Weg 400 Kilometer in den äußersten Norden Deutschlands bis an die dänische Grenze in das kleine Dörfchen Husby bei Flensburg. Hierhin kamen im Rahmen der Flucht aus den östlichen Landesteilen bis 1946 ca. 600 Menschen, die die ursprüngliche Einwohnerzahl Husbys zeitweilig verdoppelten.

Und am 15. April 1947 traf Wilhelm hier bei seiner Familie ein. Die Reise hierher führte ihn über München, wo er einen Arzt konsultierte, und Stuttgart. In beiden Städten blieb er einige Tage und wurde vor der Weiterreise jeweils mit Lebensmittelkarten ausgestattet. Ab dem 19. April war er in Husby schließlich auch Lebensmittelkarten-mäßig angemeldet.

Das Wiedersehen nach über zwei Jahren dürfte ein überaus emotionaler Moment gewesen sein und fand in der bescheidenen Bleibe statt, in der Milly, Ildar und Torgut 1945 untergekommen waren. Wie damals vielfach der Fall, wurden Flüchtlinge bei der lokalen Bevölkerung zwangseinquartiert. Eine Wahl hatten die Bittsteller und auch die Quartiergeber in der Regel nicht.

Und nun lebte man zu viert in den beengten Verhältnissen. Wilhelm nahm seine Aufgabe als Ernährer der Familie alsbald selbst in die Hände und versuchte als kaufmännischer Angestellter bei einem lokalen Stahlwarengeschäft die Familienfinanzen aufzubessern. Das ging nicht lange gut und Phasen von Arbeitslosigkeit trübten die Stimmung.

Ostern 1948