Entlang der 780 Kilometer langen Eisenbahnstrecke (das Auto wurde sicher auf einen Waggon geladen) von Djibouti nach Addis-Abeba, die damals der allergrößte Teil der westlichen Reisenden nutzte, um in die Hauptstadt Abessiniens zu gelangen, konnten Wilhelm und Milly erste Eindrücke über Land und Leute gewinnen. Was sie dabei sahen, hatte so gut wie nichts mit ihrem Lebensstil in Berlin zu tun und auch sehr wenig mit dem bisherigen Verlauf ihrer Hochzeitsreise.
Deshalb muß man sich fragen, ob dieser Teil der Reise nicht mit einer Mission versehen war...

Eine längere und für meine vorliegend wichtige Schulung nicht unwesentliche Unterbrechung erfuhr meine Arbeit hier durch einen Ruf nach Italien zu Beginn des Jahres 1935.

Tatsächlich existieren zwei Fotos, datiert mit 10.04.35, die Wilhelm in Mailand zeigen.

Mit Italien verbanden mich seit langen Jahren freundschaftliche Beziehungen. Ich sah in Italien den hungrigen Gegenspieler zum vollgefutterten England.
Der Kgl. Italienische Generalstab hat mir im Verfolg besagter Beziehungen für den zu erwartenden Krieg in Afrika Aufzug und Durchführung seines Nachrichtendienstes hinter dem Feinde anvertraut.

Unter der Maske eines Kriegsberichterstatters für die türkischen amtlichen Zeitungen "Tan" und "Semen" habe ich meine Aufgabe bis zu ihrem beinahe kritisch gewordenen Ende so durchgeführt, daß ich bis in allerletzte Zeit hinein der "erklärte Vertraute" des Negus und in wöchentlich durchschnittlich zweimaligen Geheimbesprechungen sein vermeintlicher Berater war, daß ich nur mit Diplomatie und Gewandtheit die mir zugedachte Ernennung zum Vizechef des abess. Generalstabes zu umgehen vermochte, daß andererseits der Italienischen Obersten Heeresleitung keine der strategischen wie politischen Ideen auf abessinischer Seite unbekannt blieb, daß sogar der englische Nachrichtendienst sich an mich heranmachte um von mir zu profitieren, mit jeder Möglichkeit rechnend, nur nicht mit der, daß ich auf... italienischer Seite stand. Ich habe dies Vertrauen des Secret Service weidlich in "meinem" Sinne ausgenützt. Abgesehen von meinem größten Trumpf, dem Vertrauen des Negus selbst, war das Vertrauen der eingeborenen Mohamedaner das beste Instrument für meine Arbeit. Die Mohamedaner sahen in mir einen Glaubensbruder, der mit ihnen ohne Scheu in ihrer Moschee betete, zugleich den an Bildung und Schule ihnen überlegenen Europäer, zudem den ... Deutschen.
So entsandten sie eine Vertretung ihrer Gemeinschaft zu mir. Soweit ich es ohne Gefährdung meiner Arbeit vermochte, habe ich ihrer Interessen und Sorgen mich angenommen. Es hat nicht lange gedauert, da standen aus den mohamedanischen Kreisen mir zahlreiche Kräfte zur Verfügung auch für meine Ziele.

Zeitungs- oder Geheimdienstberichte? - Addis-Abeba (September 1935)

Obwohl man mittlerweile so einiges an Geschichten gelesen hat, hier scheint mir, daß sich das Verhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit stark zugunsten des ersteren verschiebt... Ich habe aktuell kein Gefühl dafür, wie hoch der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen ist. Andererseits muß man auch gestehen, daß in allen bisherigen Erzählungen wenigstens ein Fünkchen Wahrheit steckte...
Ja, Wilhelm und Milly waren zum Tee beim Negus Negest, dem "König der Könige", dem abessinischen Kaiser Haile Selassie. 3 Daten sind dafür überliefert (3. August, 15. August und 19. September) und es existieren Fotos, die in direkter Umgebung Haile Selassis von Wilhelm oder Milly aufgenommen wurden. Schaut man sich jedoch historische Filmaufnahmen aus dem Addis-Abeba des Jahres 1935 an, dann kommt man unweigerlich zu dem Schluß, daß dies keine große Kunst war. Zumindest in dieser Beziehung präsentierte sich der Kaiser sehr volksnah.
Wilhelms regelmäßige Geheimbesprechungen mit dem Kaiser waren wahrscheinlich nicht viel mehr, als die üblichen Audienzen, die der Negus täglich abhielt und zu denen sich Einheimische wie auch in Addis-Abeba lebende Europäer und Amerikaner regelmäßig in Scharen einfanden.
Und auch der Schwenk zu den islamischen Kontakten ist wohl sehr weit hergeholt... Abessinien in jener Zeit war, wie auch das Äthiopien von heute, ein Vielvölkerstaat mit einer bunten Mischung aus Volksstämmen und damit verbundenen Religions- und (Aber)glaubensausrichtungen. Der Islam spielte keine zentrale Rolle.

Aus der damaligen Zeitspanne stammt ein Aufsatz der bekannten arabischen Zeitung "Al Mokattam"...

Oberst Harun-el-Raschid Bey SCHRIFTSTELLER oder ob der Oberst ein Deutscher LAWRENCE ist?

Sonderbericht des Al-Mokattan aus ADDIS-ABEBA v. 2. September 1935.

Auf der Liste der 62 Pressevertreter hier findet sich der Name Harun-el-Raschid Bey als der des Berichterstatters der Türkischen Zeitung "TAN" sowie der Deutschen "Frankfurter Zeitung". Der NAME zieht natürlich die Aufmerksamkeit auf sich für jeden, der weiss, dass es da sich um einen Deutschen handelt.

Mein Interesse und meine Neugierde haben mich zu dem Bemühen veranlasst, Harun-el-Raschid Bey kennenzulernen.
Ich hatte in Erfahrung gebracht, dass er, geboren in einer kleinen Stadt Preussens, seine Familie auf Tiroler Ursprung zurückführt, dass er auf einer der 3 Fürstenschulen des kaiserlichen Deutschlands sein Examen bestanden und in Friedenszeit vielseitige militärische Dienste geleistet habe. Bei Ausbruch des Weltkrieges sei er einem hohen Stabe in der Armee von Kluck zugeteilt gewesen als Ordonnanzoffizier. Nach seiner ersten Verwundung (er war dreimal verwundet) sei er der Inspektion der Luftwaffe überwiesen worden.
Einem Ondit zufolge war er erfolgreich auch mit der Organisation des Finnischen Aufstandes befasst.
Wer den Oberst in höchstoffiziellem Gesellschaftsanzug sieht, sieht ihn im Schmuck seiner zahlreichen Kriegsorden, darunter dem Kommandeurskreuz der "Weissen Rose Finnlands". Im weiteren Verlauf des Krieges ging "UNSER" Harun in die türkische Armee über, und zwar als Maschinengewehrkommandeur im Stabe des Generals Liman v. Sanders Pascha. Dieser General hat die Dienste des jungen (damals erst 30 Jahre alt) Offiziers zu schätzen gewusst. Im Verfolg dessen hat Seine Majestät der Sultan, Harun-el-Raschid zum General-Inspekteur des gesamten M.G.-Wesens ernannt.
In dieser Stellung, wohl ein Ausdruck seines Dankes, hat Harun-el-Raschid Bey seinen Übertritt zum Islam vollzogen. Dabei hat der Scheich ül-Islam ihm den bekannten islamischen Namen verliehen. Freunde aber, die ihn kennen, berichten, dass er schon in frühester Jugend geneigt war, in die Türkei zu gehen. Es ist also kein Wunder, wenn er dann in der ihm übertragenen verantwortungsvollen Stellung in der Türkei mit ganzem Herzen seinen Dienst getan hat.
Sein wichtigstes Werk in dieser Stellung war die Vereinheitlichung der Bewaffnung selbst in der ihm anvertrauten Maschinengewehrtruppe. In das vorhandene Durcheinander von russischen, deutschen und anderen Waffen innerhalb der Armeeverbände hat er, Armee für Armee, Vereinheitlichungen gebracht, also dergestalt, dass in jeder Armee nur ein Maschinengewehrfabrikat, damit nur noch ein Kaliber und dies in Übereinstimmung mit dem der Infanterie, vorhanden war.
Hätte der Weltkrieg nicht mit dem Sieg der Allierten geendet, so hätte sicher Harun-el-Raschid in der Türkei eine große Aufgabe zu erfüllen gehabt.

Nun hat ein günstiges Geschick mir die Gelegenheit gegeben, diesen Harun-el-Raschid in ADDIS-ABEBA, und zwar in der Pension "Deutsches Haus" persönlich kennenzulernen.
Da stand ich nun vor einem Manne, der Deutsch, Türkisch, Französisch und auch Englisch spricht. Ich habe ihn in ARABISCH begrüßt und er hat mir vollendet geantwortet.
Harun-el-Raschid ist etwa 50 Jahre alt. Aber auch heute sind ihm unverändert die Kennzeichen seiner militärischen Laufbahn aufgeprägt.
Auf meine Frage, wie er denn Journalist geworden sei, hat er mir geantwortet: "Ich habe über das Leben und Lebenswerk meines Marschall Liman von Sanders Pascha einen Rundfunk-Vortrag gehalten. Dieser Vortrag hat in der Öffentlichkeit solchen Anklang gefunden, daß man mich bat, den Vortrag in Druck zu geben. Das habe ich getan und mein Buch hat Beachtung gefunden in einem erheblichen Teil der Weltpresse, vor allem natürlich in der militärisch-politischen Fachpresse. Seitdem gehe ich in Mußezeiten auch der Schriftstellerei nach."
Von ihm selbst erfuhr ich noch, daß er bei Kriegsschluß, als die Engländer nahten, die Türkei mit einem Kahn über das Schwarze Meer verliess, nach schwerer Fahrt in Deutschland ankam, und in der deutschen Revolutionskrise die Organisation der ersten republikanischen Truppenformation übernahm. Sobald Ordnung und Ruhe wiederhergestellt war, hat er, seinen monarchischen Grundsätzen treu geblieben, seinen Dienst quittiert.
Doch, wie gesagt, Harun-el-Raschid ist auch heute noch "SOLDAT", Soldat in Haltung im Stehen wie im Gehen, in Gruss, wie Geste, sogar in der Art seiner Sprache.
In seiner täglichen Kleidung trägt er nur die "Rettungsmedaille am Bande", die ihm als jungen Offizier für Rettung von Menschenleben verliehen wurde.
Harun-el-Raschid's abessinische Freunde, die seine persönlichen Eigenschaften und seine militärischen Fähigkeiten kennen, bedauern es, daß er nicht in der Abessinischen Armee Dienste tut, da seine Kenntnisse und langjährigen Erfahrungen im Kriege der Abessinischen Armee sehr nützlich sein würden.
Ich habe den Glauben, daß dieser Mann aber nirgends Dienst und Arbeit zu übernehmen willens ist außer..... im islamischen Orient!

Während wir nun eine Tasse Kaffee tranken, zu der der Oberst mich einlud, trat an ihn in militärischer Haltung ein jüngerer schlanker Mensch heran und überreichte ihm einen Brief. Auf meine Frage, wer dieser Mensch gewesen sei, erwidert mir der Oberst, es sei sein Chauffeur, der bereits im Kriege bei ihm Dienste getan habe.
Harun-el-Raschid Bey ist nämlich aus Deutschland hierher mit seinem Kraftwagen gekommen und hat auch seine sehr verehrungswürdige Gattin sowie schließlich noch seine ihn überall begleitende treue Dogge mit sich gebracht.

Addis-Abeba (4. August 1935)
"Vor Abfahrt zum Tee beim Kaiser
(vor unserer Wohnung)"
"Frau Harun-el-Raschid als Teegast
S.M.d.Kaisers v. Ethiopien am 15.8.35,
links neben d. Kaiser - Prinz Makkonen"
Das Auto hatte es tatsächlich bis nach Abessinien geschafft... (27. Oktober 1935)
Hoch zu Pferde (Oktober 1935)
Wilhelm "bändigt" den privaten Geparden
des Italienischen Militärattaches
Oberst Calderini (Oktober 1935)
Addis-Abeba (November 1935)
Der oben wiedergegebene Zeitungsartikel liegt nur abschriftlich vor und dies möglicherweise nicht einmal vollständig. Mir fehlt da irgendwie ein Schluß. Überhaupt erscheint der gesamte Text im Kontext einer Zeitungsveröffentlichung ziemlich fragwürdig. Es müsste zunächst einmal geklärt werden, ob er tatsächlich so erschien. Eine Recherche im Zeitungsarchiv des " Al-Mokattam" sollte aufgrund des mitgelieferten Datums relativ zügig Ergebnisse liefern. Wenn man erstens Zugriff darauf hätte und zweitens auch noch arabisch lesen könnte.
Inhaltlich ist das Ganze ja nicht viel mehr als ein Lebenslauf, so wie ich ihn bis zu diesem Punkt auf den vorangegangenen Seiten rekonstruiert habe. Da sich die Aussagen in diesem Zeitungstext denen aus anderen Dokumenten stark gleichen, habe ich den Verdacht, daß der Verfasser des Textes kein anderer als Wilhelm selbst war...
Es ist übrigens erstaunlich, wieviele Filmaufnahmen von Addis-Abeba aus der Mitte der 1930er Jahre existieren. Ich kann nur die Empfehlung ausgeben, sich diese einmal anzusehen um sich selbst ein lebendiges Bild von den Gegebenheiten zu machen, die sich damals den Europäern im Allgemeinen und Wilhelm und Milly im Besonderen boten.
Da gibt es zum Beispiel eine "Fox-Movietone" - Wochenschau mit dem Titel "Addis Ababa prepares for war" und dreimal darf man raten, wen man bei 1:55 im Bewegtbild sieht...

Die Filmsequenz entstand bei der Verabschiedung von italienischen Zivilisten, die aufgrund der Anfang Oktober 1935 gestarteten Invasion der italienischen Armee im Norden Abessiniens Addis-Abeba in Richtung Djibouti verlassen mussten. Möglicherweise existiert weiteres Filmmaterial von dieser (oder anderer) Gelegenheit. Nachdem wir nun wissen, wonach wir suchen müssen, sollte das Erkennen grundsätzlich kein Problem mehr darstellen.

Mit Voranschreiten der Front in südwestlicher Richtung und dem Vormarsch der Italiener auf Addis-Abeba wurde auch das Leben der restlichen Europäer zunehmend unsicherer. Da im Kriegsverlauf auch Bombardierungen und Granatenbeschuß Einzug hielt, war es angeraten, die umkämpften Gebiete zügig zu verlassen.

Am 21. Dezember, früh um 7 verliess das Paar Addis-Abeba mit dem Zug um am folgenden Tag um 10 Uhr in Djibouti einzutreffen. Von dort ging es eine Woche später, am 29. Dezember 1935, mit dem italienischen Frachtdampfer "SS Montenegro" Richtung Norden. Am 30. Dezember erreichte man Assab und 2 Tage später ging man in Massaua von Bord. Von dort reiste man auf dem Landweg nach Asmara.

Asmara (Januar 1936)
Eintreffen in Asmara: 4. Januar 1936, 20:30.
Asmara, die Hauptstadt Eritreas, gewann spätestens ab 1932 als Zentrum des italienischen Aufmarschgebietes für den Italienisch-Äthiopischen Krieg stark an Bedeutung und erlebte vor allem durch Zuwanderung aus Italien ein rasantes Wachstum; die Bevölkerung verfünffachte sich auf knapp 100.000 Einwohner, davon mehr als die Hälfte Italiener.
Hier befanden sich Milly und Wilhelm also nicht mehr "hinter dem Feinde" sondern auf italienisch kontrolliertem Gebiet. Womit sie sich dort den gesamten Januar konkret beschäftigten, ist unbekannt.
Wilhelm reiste in dieser Zeit größtenteils ohne seine zwischenzeitlich schwangere Milly nach Keren, Mek'ele, Aksum, Adua und Assab.

Am 10. Februar setzte sich die Reisegesellschaft mit dem Auto in Richtung Heimat in Bewegung. Massaua erreichte man binnen eines Tages und am 11. Februar hieß es "Leinen los!"

Mit dem italienischen Dampfer "Victoria" durchquerte man in den nächsten Tagen den Suez-Kanal, lief Port Said und Neapel an, um am 17. Februar im Hafen von Genua schlussendlich wieder von Bord zu gehen.

SS "Victoria" (11. - 17. Februar 1936)

Von Genua ging es mit dem Auto via Mailand, Verona und München wieder nach Hause. Am 20. Februar 1936 - nach über 8 Monaten in der Fremde - waren Milly und Wilhelm wieder daheim in Berlin.

Gerade noch rechtzeitig, um alles für die Geburt des ersten Kindes vorzubereiten...

Am 11. März 1936 bringt Milly in Berlin einen Sohn zur Welt. Die stolzen Eltern geben ihm den Namen Ildar Wilfried. Der Junge ist der einzige Enkel, den Großvater Hintersatz kennen lernen wird. Dazu ist schon im Juli in Senftenberg Gelegenheit...

Senftenberg (Juli 1936)
Ildar mit seinen Großeltern Hintersatz und Tante Hanni.
Der stolze Vater ist auch dabei.
Auch im nächsten Jahr besucht Ildar mit seinen Eltern Oma und Opa in Senftenberg (Mai 1937)
Louise und Wilhelm Hintersatz sieht man ihr hohes Alter nun schon sehr stark an. Louise steht in ihrem 79. Lebensjahr und Wilhelm senior ist bereits 81. Für die damalige Zeit eine eher selten lange Lebenszeit.

Oberpfarrer a.D.
Wilhelm Hintersatz
(7. September 1936)
Am 23. August 1937 stirbt Oberpfarrer a.D. Wilhelm Hintersatz in Senftenberg. Der "Senftenberger Anzeiger" berichtet über die Umstände und lässt nochmals kurz das Leben des Verstorbenen Revue passieren.

Ein umfangreicherer Nachruf auf den Toten in schriftlicher Form ist bislang nicht bekannt. Auch nicht aus Kreisen der evangelischen Kirche Senftenbergs...

Eines der letzten Fotos (27. Mai 1937)

Der Anzeige oben ist zu entnehmen, daß die Trauerfeier drei Tage nach dem Tod des ehemaligen Oberpfarrers stattfand. Dies geschah, sicher auch hinsichtlich der Bedeutung des Verblichenen für selbige, in der Deutschen Kirche zu Senftenberg.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß die beiden folgenden Fotos den Sarg mit dem Leichnam Wilhelm Hintersatz' zeigen.

Womit Wilhelm junior in der Zeit nach seiner Rückkehr aus Nordafrika Geld verdiente, fasste er selbst folgendermaßen zusammen:

Nach meiner Rückkehr aus Afrika habe ich meine alte Tätigkeit in freiem Beruf wieder aufgenommen.

Anhand von Fotos, die diverse Familienurlaube illustrieren, kann man davon ausgehen, daß es Familie Harun-el-Raschid dabei nicht schlecht ging. Es besteht auch die Möglichkeit, daß Wilhelm mit seiner Bemerkung über nicht unerheblichen Grundbesitz in Berlin nicht übertrieben hatte und eine oder mehrere Immobilien in Berlin besaß, die er gewinnbringend vermietete. Außerdem erhielt er seit seinem Ausscheiden aus dem aktiven Wehrdienst 1919 eine wie auch immer geartete Pension, die man auch nicht vernachlässigen sollte.

1937
Fahrzeugtechnisch hatte er sich jedenfalls verkleinert. Wovon er jedoch nicht lassen konnte: die Standarte, das türkisches Fähnchen, musste sein!
Sein neuester Wagen war ein "Standard Superior", eine Art VW-Käfer-Vorläufer, der damals schon als "Volkswagen" beworben wurde.
Im übrigen habe ich mich dem Aufbau meiner Familie, die aus meiner treuen Lebenskameradin und zwei gesunden Jungens besteht, gewidmet.

Am 22. August 1940 wird Milly von einem zweiten Jungen entbunden. Er erhält den Namen Teja Torgut.

Die Standesbeamten sind mit dem Vornamen leicht überfordert und verwenden den falschen Vordruckstempel...

Die Nachricht von der Ankunft ihres zweiten Enkels wird Louise Hintersatz in Senftenberg noch erreicht haben. Ob sie den kleinen Torgut noch einmal im Arm hielt, ist fraglich...
Einen Monat später und kurz nach ihrem 83. Geburtstag verstarb Louise am 21. September 1940 in Senftenberg. Aus der Todeanzeige geht hervor, daß sie wohl schon längere Zeit gesundheitliche Probleme hatte, was aber in diesem hohen Alter nicht verwunderlich ist.

Mutter und Sohn am 5. September 1939
82. Geburtstag Louises, ein Jahr vor ihrem Tod
Senftenberger Anzeiger (September 1940)

Louise wohnte nach dem Tode ihres Mannes noch einige Zeit in der Adolf-Hitler-Promenade. Wahrscheinlich sogar bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich Tochter Johanna und Schwiegersohn Georg in Senftenberg niederließen. Nachdem die jungen Leute zum Ende des Jahres 1938 ein eigenes Haus in der Elsterstraße 2 bezogen hatten (umgezogen von Bergsdorf, einem Ortsteil von Zehdenick, nördlich von Berlin) folgte die Mutter natürlich und bewohnte den Rest ihres Lebens das obere Stockwerk jenes Hauses.
Senftenberger Anzeiger (November 1938)
Hanni vor dem Haus in der Senftenberger Elsterstraße 2
1939
Drei Jahre nach dem Tode ihres Mannes fand Louise ihre letzte Ruhestatt neben diesem. In direkter Nachbarschaft der Gräber ihrer Eltern und des bereits 47 Jahre zuvor verstorbenen Sohnes Robert.
Der gemeinsame Grabstein der Eheleute erhielt die letzten Gravuren.

Er ist noch heute (Oktober 2020) auf dem Alten Friedhof in Senftenberg zu finden.

Neben dem Aufbau seiner Familie blieb Wilhelm noch genügend Zeit eine alte Leidenschaft wieder aufleben zu lassen...

Ich habe nebenher mich schriftstellerisch betätigt und das weit verbreitete Buch "Schwarz oder Weiß?" geschrieben.

April 1940
aus: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel
(6. November 1940)
Das Geleitwort, das in obiger Annonce zitiert wird, gibt den Inhalt des Buches relativ gut wieder. Der Roman verherrlicht zum Teil Benito Mussolini bzw. dessen faschistische Bewegung und ist unterschwellig rassistisch (Der Titel allein gibt schon die Richtung vor). Was das Buch nicht ist: spannend.
Die Handlung ist eher dröge und man hat nach dem Umblättern einer Seite schon wieder vergessen, was man da gerade eigentlich gelesen hat. Zu allem Überfluß ist auch noch eine Liebesgeschichte eingeflochten.
Wer erwartet hat, daß Wilhelm in seinem Roman vielleicht seine heldenhaften Taten "hinter dem Feinde" (siehe weiter oben) verarbeiten würde, wird enttäuscht. Zwar tauchen einige Namen und Begebenheiten in der Handlung auf, die sich auf wahre Personen und Ereignisse beziehen, aber insgesamt dürfte das Buch eher fiktiven Charakter haben.

Der Roman erschien Ende 1940 im Berliner Verlag Joh. Kasper & Co. und traf damals sicher den Zeitgeschmack, dürfte aber entgegen Wilhelms Behauptung nicht sehr weit verbreitet gewesen sein.

Als der neue Krieg begann, habe ich mich freiwillig zur Panzertruppe gemeldet. Ich bin aber nicht einberufen worden, erhielt vielmehr den Antrag, den Sicherheits- und Ermittlungsdienst für die inzwischen dem Reichsministerium für Rüstungs- und Kriegsproduktion unmittelbar unterstellte Reichsgesellschaft ROGES zu übernehmen.
Zu meiner Aufgabe trat sehr bald auch hinzu die Leitung des Luftschutzdienstes sowie die Leitung der Zentralrevision und einer Reihe weiterer Abteilungen.

Luftschutz-Propaganda
Wilhelm mit seiner Luftschutztruppe bei der ROGES (16. Mai 1941)
Als die ROGES mit den anderen Reichsgesellschaften des Ministeriums örtlich vereint wurde, übernahm ich die sicherheitsmäßigen Aufgaben für alle Gesellschaften des Rüstungsministeriums.

In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 verliert Familie Harun-el-Raschid in Berlin ihr Heim. Grund: "Terrorangriff", also die Bombardierung der damaligen Reichshaupstadt durch alliierte Bomber.

Auf Berlin wurden durch alliierte Bomberverbände von 1940 bis zum Ende des Krieges insgesamt 310 Luftangriffe geflogen. Einer der schwersten Angriffe traf Berlin-Lankwitz in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943, in die Geschichte als Lankwitzer Bombennacht eingegangen. Einem Bericht der Royal Air Force ist zu entnehmen, dass der Verband um 20.20 Uhr mit 727 Flugzeugen, darunter 335 Avro Lancaster-Bomber, in Wyton, Cambridgeshire, startete. Der Führungsbomberpilot war J. E. Fauquier. Als der Pulk den Raum Hannover erreicht hatte, wurde von deutscher Seite das Ziel Berlin vermutet. In der Stadt sowie in der Umgebung warnten alsbald die durch Mark und Bein dringenden Sirenen vor den bevorstehenden Angriffen. Unverzüglich hatte sich die Bevölkerung des in Betracht kommenden Bereiches in die eigens dafür hergerichteten Luftschutzräume zu begeben...
ROhstoffhandelsGESellschaft mbH - März 1942
Berlin-Lankwitz, wo die Familie mittlerweile in der Mühlenstraße wohnte (man war im Oktober 1942 dorthin aus der Kaiser-Wilhelm-Straße 43 umgezogen), wurde in dieser Nacht zu 85 Prozent zerstört. In welcher Schwere Wilhelm und seine Familie von dieser Zerstörung selbst betroffen waren, bleibt ungewiss. Möglicherweise waren die 4 überhaupt nicht in der Stadt denn das nebenstehende Foto, das Milly, Torgut, Wilhelm und Ildar bei Millys Eltern in Fürstenberg zeigt, ist mit 22. August 43 datiert.

Und nach Fürstenberg, in den Uferweg 7, verschlug es nach besagter Bombennacht auch Milly, Wilhelm und die beiden Jungs...

Fürstenberg (22. August 1943)

... plus (scheinbar) eine Hausangestellte. So zumindest könnte man die Eintragungen in links abgebildetem "Haushalts-Paß" deuten.

Inwieweit die ziemlich oppulente Sammlung Wilhelms an Waffen und sonstigen militärischen Souvenirs zum Zeitpunkt des Umzugs nach Fürstenberg noch bestand ist unklar. Sicher ist, daß einige Einrichtungsgegenstände bis heute existieren.

Ansichten von Wilhelms Sammlung an Militär-Memorabilia und Waffen.
Auf dem 2. Foto von links kann man übrigens das kleine türkische Fähnchen erkennen,
welches bereits an einigen seiner Autos zu sehen war.
Von Anbeginn an hat mich mein Interesse an den politischen und militärischen Vorgängen nicht los gelassen. Ich habe umfangreiche und tiefgehende Ausarbeitungen zu den Problemen im Orient, im indischen Raum und auch im Osten dem Auswärtigen Amt und anderen Stellen vorgelegt. Sie sind "versandet", bis ich dem Reichssicherheitshauptamt zugeführt wurde und dort endlich Anklang fand.

Ich war befaßt mit den Zielungen in der Türkei, zu der mir auch heute noch einflußreiche Verbindungen bis zu den höchstmaßgeblichen Personen zur Verfügung stehen.

Ich habe vor geraumer Zeit bereits eine Ausführung übergeben, die eindeutig die Fehler skizzierte, die in der osttürkischen Frage durch das Ostministerium begangen worden sind. Ich habe von Anbeginn an die Fortsetzung der bolschewistischen Tendenz einer Spaltung der osttürkischen Stämme kritisiert, weil ich darin die Feindseligkeiten innerhalb des Komplexes und für die Hoffnung der Errichtung eines späteren antislawischen Blocks eine durch eigene Schuld herbeigeführte Schwächung der wirtschaftlichen wie nationalen und militärischen Kraft ebenso des Osttürkentums zum Schaden Deutschlands erblickte.

Ich darf hier daran erinnern, daß ich selbst auch die Erfassung der mohamedanischen Kräfte des Balkans propagiert habe.

Aus alldem hat sich schließlich mein Einsatz als Verbindungsführer zwischen Reichssicherheitshauptamt und Seiner Eminenz dem Großmufti ergeben, dem ich ebenso wie dem ägyptischen Prinzen Mansur Daoud engst nahestehe.

Ein Urteil, ob und wie ich dem durch das Reichssicherheitshauptamt gesetzten Vertrauen gerecht geworden bin, darf ich der einschlägigen Stelle des RSHA überlassen.

Unklar ist, über welchen Zeitraum Wilhelm oben schreibt. Fakt ist, daß sich die entscheidenden Stellen in Berlin spätestens seit 1941, als deutsche Soldaten in Nordafrika gelandet waren und in Richtung Nahost vorrückten, systematische Gedanken machten, wie man die islamische Bevölkerung beeinflußen und für die eigenen Ziele einbinden und ausnützen könne. Insofern hätte Wilhelm Harun-el-Raschid Bey dort offene Türen eingerannt.

2018 erschien die Übersetzung des Buches "Islam and Nazi Germany's War" (David Motadel) unter dem deutschen Titel "Für Prophet und Führer - Die Islamische Welt und das Dritte Reich". Ich kann hier wieder einmal nur die dringende Empfehlung ausprechen, sich dieses Werk zu Gemüte zu führen. Eine Version davon gibt es aktuell (November 2020) bei der Bundeszentrale für politische Bildung für lächerliche 7 Euro frei Haus. Da das Buch über die BPB vertrieben wird, kann man sicher sein, daß man hier keine Nazi-Propaganda erhält, sondern einen wissenschaftlich recherchierten Text, der späteren Prüfungen stand hält. Wer Antworten auf die Fragen sucht, welche historischen Grundlagen, Mechanismen, Propaganda, gemeinsame Feindbilder dazu führten, daß die Deutschen in den eroberten Gebieten von der muslimischen Bevölkerung eher als Befreier statt als Besatzer angesehen wurden und wie es dazu kam, daß letztlich ca. 600.000 "mohamedanische Legionäre" auf deutscher Seite kämpften, hier wird er fündig!

Pressestimmen:

David Motadel stellt erstmals umfassend die Islampolitik des NS-Regimes dar. International vielbeachtet veranschaulicht der Historiker, dass und wie sich das Dritte Reich als Schutzherr der Muslime präsentierte. Deren Glauben instrumentalisierte die NS-Elite für geopolitische wie militärische Zwecke. In der entscheidenden Phase des Zweiten Weltkrieges – als Hitlers Truppen in viele muslimische Gebiete einmarschierten – umwarb Berlin Muslime, um sie als Verbündete zu gewinnen. Mit einem unglaublichen Pragmatismus wurden dabei rassistische Bedenken beiseitegeschoben. Eingehend untersucht der Autor die deutsche Propaganda in den muslimisch besiedelten Kriegsgebieten; detailliert beschreibt er die politische Indoktrinierung Zehntausender Muslime, die in der Wehrmacht und SS kämpften.
Der Historiker David Motadel vergegenwärtigt den enormen Einfluss des Zweiten Weltkriegs auf die islamische Welt und eröffnet so ein neues Verständnis von Religion und Politik im 20. Jahrhundert.

Motadels Text verweist natürlich auch auf die Person Harun-el-Raschid. Die zu ihm gegebenen Informationen stammen teilweise aus Material, welches auch mir zur Verfügung steht und auch aus Unterlagen, die in verschiedenen Archiven liegen (der Autor gibt hierzu detailliert Quellen an). Obwohl er durchgehend den Namen Harun al-Raschid verwendet (ein Fehler, der auch schon von anderen und auch in unterschiedlichen Varianten gemacht wurde und letztlich die Suche nach Information etwas erschwert) und Wilhelm einmal einen "gelernten Ingenieur" andichtete, gehe ich davon aus, daß sein Quellenstudium insgesamt korrekt war und er die richtigen Schlüsse zog.

Laut Motadel war Reiner Olzscha, SS-Hauptsturmführer in der allgemeinen Freiwilligen-Leitstelle des SS-Hauptamtes und verantwortlich für die Rekrutierung von Muslimen für den neu aufzustellenden "Osttürkischen Waffenverband der SS" auf der Suche nach einem geeigneten Kommandeur. Dieser sollte einschlägige Erfahrungen mit muslimischen Soldaten vorweisen können. Von den zwei geeigneten Kandidaten war einer Harun-el-Raschid, der zum damaligen Zeitpunkt knapp 58 Jahre alt war.

März 1944

Olzscha ging im Mai 1944 aktiv auf Harun-el-Raschid zu "Ich habe Ihnen einen sehr konkreten Vorschlag zu machen, der vor allem auch die Stellung berücksichtigt, die Sie als Mohamedaner und ehemaliger Offizier besonders hervorhebt. Wilhelm, der, wie er selbst berichtete, schon zu Beginn des Krieges Ambitionen hegte, wieder aktiv in das miltärische Geschehen einzugreifen, jedoch wahrscheinlich wegen seines Alters zunächst zurückgestellt wurde, wirkte an dem Auswahlverfahren für den Kommandeursposten insofern mit, als daß er einen umfangreichen Lebenslauf mit Anhängen einreichte. Dieser endete mit:

Abschließend bekunde ich:

Ich glaube, für die mir nunmehr zugedachte Aufgabe militärisch in jeder Hinsicht das erforderliche Rüstzeug mitzubringen:

1.) Ich habe den vorigen Krieg in allen Formen und unter allen geographischen wie klimatischen Verhältnissen mitgemacht.

2.) Ich habe dann den Bandenkrieg unter den schwierigen Erscheinungen des afrikanischen Krieges sowohl auf der abessinischen wie auf der italienischen Seite praktisch kennengelernt.

3. Ich glaube, auch politisch die erforderliche Schulung mitzubringen.

4. In Verbindung damit sehe ich mein wesentliches Instrument in der Vereinigung meines Deutschtums und meiner in mohamedanischen Kreisen weithin bekannten Zugehörigkeit zum Islam, daraus folgernd dem Vertrauen, das von mohamedanischer Seite mir entgegengebracht wird, und der uneingeschränkten Hilfe in jeder Richtung, die ich seitens des Großmuftis zu erwarten habe.

5. Hierzu kommt schließlich, daß ich mit meinen Leuten in ihrer eigenen Sprache zu reden weiß.

Fürstenberg (Mecklenburg), 7. Juni 1944.
Danach ging es in der für Wilhelm bekannten Geschwindigkeit rasch weiter...

Vom 2. und vom 9. August 1944 stammen zwei Schriftstücke, in welchen das SS-Personalhauptamt bittet um Freigabe des Majors a.D. Harun - el - Raschid - Bey für die Waffen-SS. Harun - el - Raschid - Bey soll auf Grund seiner türkischen Sprachkenntnisse und seiner engen Beziehungen zur islamischen Welt auf Befehl des Reichsführers-SS eine Sonderverwendung im Rahmen der Waffen-SS erhalten.
...
Es wird gebeten, die Überstellung von der Wehrmacht zur Waffen-SS zu veranlassen und nach erfolgter Freigabe durch das Amt B I des SS-Hauptamtes die sofortige Einberufung zur Personalstelle des SS-Hauptamtes durchführen zu lassen. ... Um vordringliche Bearbeitung wird gebeten.

Mit Wirkung vom 23. August 1944 bekam Wilhelm Harun-el-Raschid Bey die SS-Nummer 496 147 zugeteilt. Am gleichen Tag wurde er beim SS-Hauptamt als SS-Sturmbannführer (aktiv) eingestellt. Eine Woche später folgte der nächste Schritt: mit Wirkung vom 1. September 1944 zum Obersturmbannführer der Waffen-SS befördert.
Exakt einen Monat danach, am 1. Oktober 1944, steigt er nochmals eine Stufe nach oben: SS-Standartenführer.

In diesem militärischen Rang wird Standartenführer Harun-el-Raschid am 20. Oktober 1944 durch Himmler zum Kommandeur des Osttürkischen Waffenverbandes der SS ernannt...

Fürstenberg
(August 1944)
Eine nicht unbeträchtliche Zahl an Soldaten, ca. 800 Mann, die Bestandteil des neu aufzustellenden Osttürkischen Waffenverbandes werden sollten, war bis dahin als "Ostmuselmanisches SS-Regiment 1" organisiert und unterstand seit Juli 1944 taktisch dem SS-Sonderregiment Dirlewanger. Im Juli 1944 wurde das Ostmuselmanische Regiment aus dem Bereich des HSSPF Minsk, der durch den Zusammenbruch der deutschen Heeresgruppe Mitte ab 22. Juni 1944 Kampfgebiet wurde, zusammen mit dem SS-Sonderregiment Dirlewanger zunächst nach Lomza, dann nach Bialystock verlegt. Die geplante Verlegung nach Ungarn, wo die Einheit ab August 1944 im Raum Kaposvar weiter aufgestellt werden sollte, wurde durch den Einsatz des Regimentes im Rahmen des SS-Sonder-Regimentes Dirlewanger zur Niederschlagung des am 1. August 1944 ausgebrochenen Warschauer Aufstandes ab 5. August 1944 unterbrochen. Es ist unklar, in welchem Maße die muslimischen Legionäre bei den Kampfhandlungen in Warschau eingesetzt waren. Erste Erwähnung findet die Einheit im Zusammenhang mit dem Angriff auf die Altstadt, der sich zwischen vom 20. bis 27. August abspielte. Hier kämpften auch ca. 200 Aserbeidschaner auf Seiten der Deutschen. Anschließend folgte der Einsatz im Weichselviertel vom 3. – 10. September 1944, der Kampf um Mokotow vom 11. bis 23. September 1944 sowie der Kampf um Zoliborz vom 29. September bis 2. Oktober 1944.

Am 17. September reiste Harun-el-Raschid Bey nach Warschau. Sehr wahrscheinlich nutzte er dort die Zeit (Rückkehr am 21. September) um sich einen Überblick über dasjenige Personal zu verschaffen, aus dem er seinen Osttürkischen Waffenverband bilden sollte. Am 27. September machte sich der zukünftige Kommandeur auf den Weg in die West-Slowakei denn dort im Raum Myjava sollte der neue Verband aufgestellt werden. Die Truppe selbst war zu diesem Zeitpunkt scheinbar aber noch nicht aus dem Raum Warschau in Bewegung gesetzt worden, weshalb er sich zwischen dem 4. und dem 14. Oktober 1944 wieder an der "Heimatfront" aufhielt. Am 15. Oktober verlässt er seine Familie erneut mit Ziel Slowakei.
Reste des Ostmuselmanischen Regimentes, sowie andere aus muslimischen Freiwilligen bestehende und einzugliedernde Truppenteile, trafen bis Ende Oktober 1944 in Myjava ein.
Dort wurden Bataillone nach völkischer Zusammensetzung gebildet. So bestanden nun neben dem Regimentsstab mit einer Stabs-Kompanie

  • ein Turkestanisches Bataillon (I.)
  • ein Bataillon aus Tataren der Idel-Ural-Region. (II.)
  • ein Aserbeidschanisches Bataillon (III.)

    Jedes Bataillon sollte aus dem Stab, einer Stabs-Kompanie und fünf Grenadier-Kompanien bestehen, die zum großen Teil von Osttürkischen Offizieren geführt wurden. Die Soldaten wurden als „gut, aber mit dem Hang zu Brutalitäten" bezeichnet. Die Stärke der Einheit betrug etwa 6 – 8000 Mann.

    Noch unidentifizierte Deutsche Wochenschau (1944? 1945?)

    Motadel führt aus, daß Harun-el-Raschid in einem Bericht, seine, aus unterschiedlichen Völkern stammenden Soldaten unterschiedlich einschätzte. Die Turkestaner und Aserbeidschaner hielt er für fromme und loyale Soldaten, da diese auch auf die religiöse Beeinflussung der Mullahs positiv ansprachen. Was die mohamedanisch-religiöse Seite der Krim-Tataren betraf, war er noch zu keinem endgültigen Urteil gekommen. Für einen beträchtlichen Teil der Idel-Ural-Tataren versprach er sich hingegen wenig Erfolg. Die Wolga-Tataren hielt er für unzuverlässig. Überhaupt war der Kommandeur erstaunt über die generelle Religiosität der Mannschaft. Er war eigentlich darvon ausgegangen, daß die Soldaten im Verfolg der bolschwistischen antireligiösen Propaganda keineswegs mehr überzeugte Mohamedaner seien.
    Desweiteren zitiert Motadel Briefe von Freiwilligen des Osttürkischen Korps an ihren Kommandeur...

    Harun-el-Raschid sei Mohamedaner wie wir. Für uns sind Sie nicht nur Kommandeur, sondern auch Vater, zu dem wir mit ganzem Herzen Vertrauen haben. Und ein anderer Soldat schreibt ... ein Bruder in unserem heiligen Glauben.

    Einen visuellen Eindruck von der Verflechtung von militärischem und religiösem in den Reihen von Harun-el-Raschids Osttürkischem Waffenverband liefert die folgende Filmsequenz. Aktuell ist unklar, wann und wo die Aufnahem entstand und wer sie zu welchem Zweck anfertigte. Normalerweise galt die Order, dass muslimische Angehörige der Wehrmacht oder SS bei ihren religiösen Riten nicht gestört und schon gar nicht fotografiert oder gefilmt werden durften. Hier machte man aber eine Ausnahme, weshalb man davon ausgehen kann, daß es sich um eine Aufnahme zu Propagandazwecken handelte. Die Ausführung des Ganzen weist deutlich professionelle Züge auf.

    Ob die Aufnahme von haus aus farbig war, vermag ich aktuell nicht zu beurteilen. In jedem Fall wurde der Film in diversen historischen Dokumentationen verwendet. Soweit ich das überblicke, immer farbig, jedoch nie vollständig.
    Die längste Version hiervon kann man in der Spiegel-TV-Dokumentation "Auge um Auge - 100 Jahre Nahostkonflikt" (2011) finden. Einzelne Schnipsel tauchten auch noch an anderen Stellen auf...

    extrahiert aus Spiegel TV-Dokumentation
    "Auge um Auge - 100 Jahre Nahostkonflikt" (2011)
    extrahiert aus französischer Dokumentation
    "Dans la tête des SS" (2017)
    - enthält zusätzliche Sequenzen -
    Unverständlich ist, daß man die Aufnahme mit "Handschar" labelte,
    wo doch die Spiegel TV-Dokumentation im Audiokommentar bereits Jahre zuvor die richtige Spur gelegt hatte.

    In der Aufnahme sieht man Kommandeur Harun-el-Raschid unter anderem beim Gebet mit einem Teil seiner muslimischen Untergebenen. Den Feldimamen in den Kampfverbänden war es übrigens erlaubt, einen Turban zu tragen. Der Imam, auf den hier der Fokus gelegt wurde, war auch schon kurz in der Wochenschau-Sequenz (bei Sekunde 42) zu sehen. Dort jedoch mit Käppi. Sollte es sich bewahrheiten, daß es sich bei ihm um den Ober-Imam der Einheit, Nureddin Namangani handelt, dann werden sich seine und die Wege Wilhelms einige Jahre später nochmals kreuzen.

  • Der Osttürkische Waffenverband unter Harun-el-Raschid wurde zwischenzeitlich mit weiteren muslimischen Freiwilligen, die zum Teil in Norwegen rekrutier, andererseits unter russischen Kriegsgefangenen geworben worden waren, personell aufgestockt. Große räumliche Bewegungen machte der Verband jedoch nicht. Die Legionäre sollten grundsätzlich lokale Partisanen bekämpfen.
    Die mangelnde Loyalität einzelner Voksstämme innerhalb des Verbandes, die Harun-el-Raschid bereits analysiert hatte, führte anscheinend zu ständigen und schweren Disziplinverstößen innerhalb der Mannschaft. Aus diesem Grunde bat der Kommandeur am 30. November 1944 um Zuteilung eines Gerichts. Am 4. Dezember wurde Harun-el-Raschid als Gerichtsherr für den Osttürkischen Waffenverband bei gleichzeitiger Errichtung eines SS- und Polizeigerichtes, eingesetzt und hatte somit bessere Handhabe disziplinarisch gegen die Unruhestifter vorzugehen.

    So wirklich erfolgreich war er dabei jedoch nicht... In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1944 geriet die Situation außer Kontrolle:
    Der Führer des I. Bataillons des turkestanischen Regimentes, Waffen-Obersturmführer Gulam Alimov, desertierte mit mehreren hundert Angehörigen seiner Truppe bei Nove Mesto. Der Versuch, auch das in der Nähe liegende Aserbeidschanische Bataillon zum Abmarsch zu bewegen, scheiterte. Alimov führte danach seine Leute, etwa 450 – 500 Mann, in die angrenzenden Wälder. Angeblich ließ Harun-el-Raschid am nächsten Tag durch ein Flugzeug Flugblätter über dem Waldstück abwerfen, in welchem die Deserteure vermutet wurden, um diese zur Rückkehr aufzufordern. Ob dies den Tatsachen entspricht ist fraglich. Immerhin hätten binnen Stunden Flugblätter hergestellt und dann auch noch ein Flugzeug organisiert werden müssen.
    Nichtsdestotrotz kehrte ein großer Teil der Deserteure nach einem Gewaltmarsch zurück. Der Rädelsführer Alimov verweigerte die Rückkehr und verharrte stattdessen im Ort Propat wo er später von Slowaken gefangen genommen wurde, die mit den Partisanen sympathisierten.
    Bei der ganzen Aktion fanden laut nachfolgendem Schreiben, in dem um die Absetzung Harun-el-Raschid gebeten wurde, "volksdeutsche" Angehörige der Truppe den Tod:

    Nachdem jetziger Kommandeur des Osttürkischen Waffenverbandes wiederholt eigenmächtig und entgegen der Weisungen des SS-HA, die Führung des Verbandes unzuverlässigen Elementen anvertraut hat, ist ein Teil der Turkestaner unter Führung des Waffen-Oberstuffhr. Alimov nach Ermordung einiger deutscher Unterführer zu den Partisanen übergelaufen. Das Verhalten des Kommandeurs Harun-el-Raschid zeigt, dass er nicht in der Lage oder gewillt ist, die notwqendigen Schritte zu unternehmen.
    Es wird dringend gebeten, Standartenführer Harun-el-Raschid mit sofortiger Wirkung seiner Dienststellung zu entheben und Hstuf. Fürst bis auf weiteres kommissarisch mit der Führung des Verbandes und im besonderen mit der Führung der Waffengruppe Turkestan zu beauftragen.

    SS-HA., Amtsgr.D
    Oststelle d.I/5 k
    gez. Minke, SS-Staf.

    Zu der geforderten Absetzung des Kommandeurs kam es dann aber doch nicht. Im Januar 1945 wurde der Osttürkische Waffenverband reorganisiert. So wurde das Aserbeidschanische Regiment herausgelöst und dem in Nord-Italien in Aufstellung befindlichen "Kaukasischen Waffen-Verband der SS" zugeführt. Als Ersatz wurde das tatarische Personal der zuvor aufgelösten "Waffen-Gebirgs-Brigade der SS (tatarische Nr.1)" eingegliedert. Und auch das Turkestanische Bataillon mußte neu gegliedert werden, nachdem eine beträchtliche Anzahl Soldaten im Dezember 1944 desertiert waren.
    Örtlich gesehen befand sich der Waffenverband unter Harun-el-Raschid immer noch in der West-Slowakei. Am 1. März 1945 wird er immer noch im Raum Myjava notiert. Im Laufe des Monats fand jedoch eine Verlegung nach Norditalien statt. Der Verband traf am 21. März 1945 in einer Gesamtstärke von ca. 4.000 Mann in Merate, 20 Kilometer nördlich von Mailand, ein.
    Um den 11. April 1945 kommt es zu einer weiteren Desertation. Diesmal sind es (angeblich) 900 Angehörige des Aserbeidschanischen Regiments, die ihr Heil in der Flucht suchen und sich über die norditalienische Grenze in die Schweiz durchschlagen wollen. Einem Teil der Männer gelingt dies sogar während andere nur bis Monte di Nese kommen und sich dort zunächst verstecken. Die Aserbeidschaner hatten den Plan, sich mit den dort operierenden italienischen Partisanen zu verbünden. Doch dazu kommt es für viele nicht mehr. Am 13. April drangen nach Augenzeugen "mehr als 2.500 Faschisten und SS-Männer" in das kleine Dorf ein, spürten die Abtrünnigen auf und töteten 118 von ihnen: 43 starben während des Gefechts, 2 erlagen später ihrer Verwundung, 73 wurden verhaftet und an drei Stellen des Dorfes erschossen. Das Ereignis ging als "Massaker von Monte di Nese" wenigstens in die regionale Geschichtsschreibung ein und wurde 2010 in einem Buch des Italieners Andrea Pioselli ("La diserzione. I «mongoli» nella Resistenza bergamasca e la strage di Monte di Nese") ausgewertet.
    In diesem Zusammenhang fällt zuweilen der Namen Harun-el-Raschid und suggeriert, daß dieser mit der oben erwähnten Aktion in Verbindung stand. Der Verdacht kann zwar nicht gänzlich ausgeräumt werden, andererseits unterstanden ihm die Aserbeidschaner schon seit dem 30. Dezember 1944 nicht mehr, nachdem diese in den Kaukasischen Waffen-Verband der SS eingegliedert worden waren. Insofern fand die Desertation auch nicht in seinem Waffenverband statt. Monte di Nese ist von Merate, dem damaligen Stützpunkt des Osttürkischen Waffenverbandes, gute 40 Kilometer entfernt, so daß Zweifel angeracht sind, ob Angehörige dieser Einheit damals beteiligt waren.

    Am 26. April 1945 soll der Kommandeur des Verbandes, Wilhelm Harun-el-Raschid Bey, einen Vertrag mit den örtlichen Partisanen geschlossen haben. Nach diesem sollten die Soldaten des Waffenverbandes solange in ihren Unterkünften in Merate verbleiben bis die amerikanischen Truppen auf ihrem Vormarsch den Ort erreichen würden.
    Eine andere (italienische) Quelle berichtet zwar davon, daß an jenem Tag eine Abordnung des Comitato di Liberazione Nazionale (C.L.N.) beim Kommandeur Harun-el-Raschid erschien und die Kapitulation forderte, führt aber auch aus, daß dieses Ansinnen von diesem kategorisch abgelehnt wurde.

    Am 30. April 1945 ging die gesamte Einheit in Gefangenschaft der 1st Armored Division.