Da ich in der Industrie sehr viel gelernt hatte, beschloß ich, mit einschlägigen Spezial-Aufgaben für deutsche Industrie mir einen freien Wirkungskreis zu schaffen: Ich habe deutschen Industrien mit meiner "Ermittlungstätigkeit" (oft unter Einsatz ernster Gefährdung) im In- wie Auslande Dienste geleistet, die die große Zahl der dafür mir zu Gebote stehenden Zeugnisse belegt.

Ich habe schwere Zeiten durchlebt, Zeiten, in denen ich nicht wußte, wie ich über den nächsten Tag hinwegkommen würde. Ich habe andererseits mir einen nicht unerheblichen Grundbesitz (Berlin) aus eigener Kraft geschaffen.

Mein treuester Begleiter war der Haß; denn ganz natürlich brachte jeder Kampf für einen meiner Mandanten mir den Haß einer ganzen Clique ein, die unterlag; und ich habe (vielleicht ein Fehler!) nie gefragt, "wer" zum Kreise der Gegnerschaft gehörte oder "hinter diesem Stand".

Telefonbuch von Berlin (1923)
"Geheimagent" Harun-el-Raschid Bey
im Berliner Straßenbild (1926)
Die oben getätigten Aussagen muß man erst einmal so stehen lassen. Es ist im Prinzip nichts genaues über den beruflichen Werdegang von Wilhelm Harun-el-Raschid Hintersatz für die nächsten knapp 10 Jahre bekannt. Möglicherweise hat es tatsächlich etwas mit (s)einer Ermittlungstätigkeit zu tun, denn entsprechende Nachweise dürften demzufolge schwer zu beschaffen sein. Von der "großen Zahl" an Zeugnissen seiner Einsätze ist jedenfalls nichts bekannt oder überliefert.
Seine "schweren Zeiten" kann man nach meiner Einschätzung sicher in das Reich der Märchen verbannen. Denn die vorliegenden Fotos zeigen vielmehr einen gut situierten Herren, der neben seiner Passion für das Sammeln von Waffen und Militärsouvenirs, beginnt, eine Leidenschaft für Automobile zu entwickeln. Darüberhinaus entdeckte er auch seine Liebe zu allerlei Hunderassen...

1927
Ich kann mich täuschen.... aber ist das kleine Fähnchen, das man am Bug des Hanomag 2/10 PS "Kommissbrot" sehen kann, nicht ein türkisches (Halbmond mit Stern)? ... Etwas das vielleicht mit seiner anhaltenden Orient-Fixierung zu tun haben könnte, die auch in der folgenden Selbstaussage zum Ausdruck kommt:

Ich aber bin meiner nun einmal offen bekannten Devise treu geblieben und habe unermüdlich über alles das, was im Orient vorging, mich auf dem Laufenden gehalten, habe mit islamischen Kreisen aus aller Welt Fühlung genommen, - der Deutsche, der auf Auslug stand und ... steht, um - ebenso unbeirrt wie lange Zeit unverstanden und daher angefeindet! - immer bereit zu sein zum Mittun an der Stelle, wo einmal Deutschlands gefährlichster Feind (England) die Achilles-Ferse bieten würde. Und immer wieder habe ich betont, daß das im Gebiet "Orient-Islam" sein werde.
In Deutschland freilich war man demgegenüber zum Teil gleichgültig, zum Teil "überlegen abweisend".
So hatte ich, an meiner Überzeugung festhaltend, wenigstens zeitweise diese und jene Befriedigung, so wenn ich befreundete Industrien durch Einfluß und Beziehungen nützen konnte, und so - hierin in immerhin größerem Ausmaße - in folgendem Sonderfall:

Ich bin es gewesen, der den Schwiegersohn des Schah von Persien, Chef des Persischen Sanitäts- und Hygienewesens, Exz. General Dr. Hadi Chan Attabay, der auf seiner Durchreise durch Deutschland nach Paris mit mir Verbindung aufnahm, zu bestimmen wußte, den Abschluß seiner medizinischen Studien nicht, wie vorgesehen, in Paris, sondern in Berlin durchzuführen.
Der Plan ist mir geglückt. Ergebnis: Die nicht unerheblichen Lieferungen Deutschlands in Zeiten seiner übelsten Wirtschaftsklemme an Persien in sanitären Anlagen und Artikeln aller Art, an Lazaretten - von den Bauten über die Innenausstattungen bis zu den Ärzten, an Medikamenten usw.!
Mein Äquivalent war allein die innere Befriedigung über das gelungene Werk zu Deutschlands Nutzen.

Es ist aktuell unklar, ob diese Geschichte den Tatsachen entspricht und in welchen Zeitabschnitt sie überhaupt gehören könnte.

Vielleicht ist die Erklärung aber auch viel trivialer... Wilhelm junior genügte es möglicherweise nicht mehr, nur allein auf Visitenkarten seine Faszination für das Osmanische Reich kund zu tun, sondern baute sich zusätzlich eine Standarte an sein Auto. Zuzutrauen ist ihm eine solche Exzentrik durchaus.

Apropos Exzentrik. Wahrscheinlich 1928 ließ Wilhelm ein professionelles "Promotionfoto" von sich anfertigen, welches ihn in osmanischer Uniform, mit allen Orden, die an selbige passten und mit Fez und osmanischem Offizierssäbel zeigt.

Diese Aufnahme war bis 2020 das einzige öffentlich verfügbare Bilddokument, das ihm zugeordnet werden konnte. Die Version die bislang kursierte, zeigt interessanterweise etwas mehr Bildinformation links, dies jedoch in vergleichsweise unterirdischer Qualität.

Wilhelm selbst war von der Darstellung derart angetan, daß fortan eine Version davon an Wänden oder auf Anrichten in seinen Wohnungen hing oder stand...

Stillleben aus der Wohnung Harun-el-Raschid Bey (ca. 1940)
Man erkennt deutlich das "Mehr" an Bildinformation
im Vergleich zu der Version rechts.
Das "berühmte" Foto (1928)
mit dessen Hilfe sich eine ganze
Reihe von Orden und Auszeichnungen nachweisen lassen,
die Wilhelm bis zu diesem Zeitpunkt erhalten hatte.
Es wäre interessant zu erfahren, was seine Familie von derlei Selbstdarstellung hielt, und was sie sagte, wenn er mit seinem Auto und aufgespannter Standarte in Senftenberg oder Hohen-Neuendorf aufkreuzte...

Louise und Wilhelm Hintersatz (1926)
Und diese Familientreffen fanden relativ häufig statt. Entweder in Hohen-Neuendorf oder in Senftenberg. In Senftenberg hatten die Eltern die Wohnung in der Oberpfarre, die sie 40 Jahre lang (zuerst im alten, dann im neuen Haus) inne hatten, verlassen. In welche Richtung dies zu diesem Zeitpunkt passierte ist etwas unklar. Es besteht der Verdacht, daß sie für einige Jahre Senftenberg den Rücken gekehrt hatten und mit der frisch geschiedenen Johanna in Hohen-Neuendorf im Norden Berlins lebten. Mutmaßlich würde dies den Zeitraum von 1925 bis 1929 abdecken. Spätestens im Oktober 1929 waren sie jedoch zurück in Senftenberg und bezogen eine Wohnung auf dem Grundstück des Malermeisters Schönert (Gartenstraße 31). Das Ehepaar zog sich nach dem Dienstende des Oberpfarrers aus dem öffentlichen Leben weitestgehend zurück was sicher auch nicht allzu schwer fiel. Beide waren zu dem Zeitpunkt bereits um die 70 Jahre alt.
Anzumerken ist, daß sämtliche Einwohnerbücher Senftenbergs ab 1925 kaum Angaben zum Wohnsitz der Familie Hintersatz mehr lieferten, was unter Umständen in einem temporären Wegzug begründet sein kann. Für Nutzer dieser Auskunftsbücher war das Paar aus Senftenberg verschwunden.

Wenigstens der "Senftenberger Anzeiger" informiert hin und wieder seine Leser, daß ihr ehemaliger Pfarrer noch (bzw. wieder) in der Stadt lebt...

Senftenberger Anzeiger (Januar 1930)
Senftenberg - 5. September 1930
Harun-el-Raschid Bey - Louise Hintersatz - Georg Vogel - Wilhelm Hintersatz - Johanna Vogel
Oktober 1930
Auf obigem Foto, das am 73. Geburtstag der Mutter aufgenommen wurde, erkennt man im Hintergrund das Haus auf dem Hof von Malermeister Schönert, in welchem Louise und Oberpfarrer a.D. Wilhelm Hintersatz zu dieser Zeit wohnten.

Das seit spätestens 1926 neue Familienmitglied ist Hermann Ernst Georg Vogel. Geboren am 10. November 1900 in Thamm, dem Vorort von Senftenberg und Jurist von Beruf. Sein Werdegang ist aktuell noch nicht belegbar. Nach vorliegenden spärlichen Unterlagen heiraten Johanna und Georg in der zweiten Jahreshälfte 1927 in Hohen-Neuendorf bei Berlin. Danach lebte das Paar noch bis mindestens 1929 dort, um später nach Senftenberg umzuziehen, wo Georg Vogel eine Rechtsanwaltskanzlei unterhalten wird. Die Kanzlei in der Senftenberger Bahnhofstraße 34a existierte laut Einwohnerbuch zwar mindestens seit 1934, es besteht jedoch der Verdacht, daß Vogels zu dieser Zeit noch nicht in Senftenberg wohnten, sondern weiterhin nördlich von Berlin. Wenn auch nicht zwingend in Hohen-Neuendorf.

Johanna und Georg Vogel
Baabe auf Rügen (1928)
1932 - Wilhelm entdeckte eine neue Leidenschaft: die Schriftstellerei!

Im Berliner R.Eisenschmidt-Verlag, der für militärhistorische Veröffentlichungen bekannt war, erschien im Juni 1932 ein 30-seitiges Heftchen mit dem Titel "Marschall Liman von Sanders Pascha und sein Werk". Der Autor, der mit H. e. R. angegeben wird, ist kein Geringerer als Harun-el-Raschid Bey.

Das in Fachkreisen international bekannt gewordene und auch vom Gegner anerkannte kleine Werk "Marschall Liman v. Sanders Pascha und sein Werk" ist von mir geschrieben. Es handelt sich um eine miltärisch-politische Skizze der historischen Begebenheiten.

Der glühende Verehrer Sanders' ließ später von der Witwe des Marschalls ein Schriftstück verfassen, in dem seine Beziehung zu Otto Liman von Sanders beschrieben werden sollte. Den Brief, der nachfolgend im Wortlaut wiedergegeben ist, wird er daraufhin gerne als Beweis der Verbundenheit zwischen ihm und dem "Löwen von Gallipoli" einsetzen, um daraus ggf. Kapital zu schlagen. Als verkaufsförderndes Instrument für das Büchlein kam er jedoch um mindestens ein Jahr zu spät...

Sehr verehrter Harun-el-Raschid Bey!

Sie fragen mich, ob ich bereit sei, einer entsprechend qualifizierten Persönlichkeit kundzugeben, welches Urteil und welche Einstellung mein verewigter Mann, Ihr dereinstiger Marschall Liman von Sanders Pascha, in Bezug auf Sie hatte.

Ich bin nicht nur herzlich gern dazu bereit, sondern will in kurzer Ausführung diese Einstellung meines verewigten Mannes Ihnen schriftlich geben. Ich bereite damit einerseits mir selbst eine Freude, weil ich aus eigenster Kenntnis ja weiss, dass Sie nicht nur in Seinem Leben Ihm mit wirklicher Treue zur Seite standen, sondern auch übers ein Grab hinweg Sein teures Andenken wachzuhalten sich bestreben.
Andererseits aber betrachte ich die Erfüllung Ihrer Bitte in dieser Form als meine Pflicht, weil ich das Bewusstsein in mir trage, dass die Erfüllung den Intentionen meines verewigten Mannes entspricht, eine Erfüllung, der Er jederzeit freudig nachgekommen wäre.
Nach bestem Wissen und Können also gebe ich meine nachfolgende Äusserung:

Sie haben, sehr verehrter Harun-el-Raschid Bey, meinem Manne in Kriegszeiten zunächst in der Stellung des Maschinen-Gewehr-Kommandeurs in seinem Stabe dienstlich nahegestanden. Die dienstliche Einschätzung Ihrer Person hat mein mann bestimmt, Sie auch ausserhalb der dienstlichen Bindungen zu Seiner Person heranzuziehen und Sie eines Vertrauens zu würdigen, das über das Mass der dienstlichen Beziehungen weit hinausging. Mein Mann sagte, dass Sie einer Seiner tüchtigsten und pflichttreuesten Offiziere gewesen seien, ganz besonders geeignet für verantwortungsvolle und selbstständige Position im Auslandsdienst, sodass er trotz Seines Bedauerns, Sie dadurch in Seiner Umgebung missen zu müssen, Sie trotz Ihrer Jugend vorgeschlagen hat für den verantwortungsvollen Posten des General-Inspekteurs des gesamten Maschinengewehr-Wesens der Türkei. Obwohl an sich nunmehr die dienstlichen Beziehungen zwischen meinem Mann und Ihnen nur noch mittelbare waren, hat mein Mann Sie weiterhin seines persönlichen ja, väterlichen Wohlwollens gewürdigt; und der Eiserne Marschall pflegte derartiges nicht zu tun, wenn er sich nicht dessen sicher war, dass der so Gewürdigte Sein Vertrauen und seine Güte in vollem Maße verdiente.

Mein Mann hat immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass im Gegensatz zu vielen anderen Sie, verehrter Harun-el-Raschid Bey, niemals sein Vertrauen enttäuscht haben.
Ich selbst weiss aus eigenster Kenntnis, dass Sie nicht zu denen gehören, die aus dem Gesichtskreis meines Mannes verschwanden, als der Umsturz in Deutschland neue Verhältnisse schuf. Sie haben vielmehr meinem Mann die Dankbarkeit und die echte soldatische Treue bis zu Seinem Tode bewahrt; und bis zu Seinem Tode hat mein verewigter Mann Ihrer gedacht und mit immer gleich warmen Worten überzeugter Anerkennung und herzlichen Wohlwollens von Ihnen gesprochen.
Ihre Treue haben Sie Ihrem verewigten Marschall auch über das Grab des "Löwen von Gallipoli" hinaus gehalten; ich wähle diese Bezeichnung absichtlich, weil Sie ja in Ihrer sachlich wie stilistisch vorzüglichen Broschüre "Marschall Liman von Sanders Pascha und sein Werk" ihren Ursprung hat.
Ich glaube, mit obigen Ausführungen kurz und eindeutig die Stellungnahme skizziert zu haben, die immer wieder im Gedenken meines verewigten Mannes an Sie zu überzeugtem Ausdruck gekommen ist.
Dies Zeugnis Ihres verewigten Marschalls stelle ich mit eigener Freude Ihnen von Herzen gern zur Verfügung.
Ich schliesse meine aufrichtigen Wünsche für Sie und Ihre Zukunft an und bleibe mit besten Grüssen

Ihre sehr ergebene
gez. Elisabeth Liman von Sanders.
München, 26. IX. 33

Beim Lesen dieser Zeilen kommt einem unweigerlich der Begriff "Gefälligkeitsgutachten" in den Sinn denn große Teile des Briefes erwecken den Eindruck, "vorgeschrieben" zu sein. Diese Einschätzung wird durch die Tatsache gestützt, daß die Briefeschreiberin die zweite Ehefrau Liman von Sanders war, die dieser erst einige Zeit nach seiner endgültigen Rückkehr aus dem Osmanischen Reich heiratete. Sie war somit aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal mittelbar in die dortigen Geschehnisse der Jahre 1917/18 involviert.

Ein Aspekt des Lebens von Wilhelm junior blieb bislang unberücksichtigt, da er bei all den teilweise abenteuerlichen Wendungen seiner bisherigen Vita völlig in den Hintergrund gedrückt wurde. Man traute ihm ja bei der ganzen Tag-und-Nacht-Beschäftigung auf den unterschiedlichsten Betätigungsfeldern schon gar nicht mehr zu, daß er dafür überhaupt noch Zeit hatte: die Frauen!

Und dennoch: Laut einer Aktennotiz ging er insgesamt 3 mal den Bund der Ehe ein! Zwei Ehen sind aktuell gut nachweisbar. Die erste hingegen lässt sich derzeit nur fragementarisch belegen. An dieser Stelle ist noch weitere Forschungsarbeit gepaart mit Glück von Nöten.
Folgendes ist bekannt:

Die erste Frau Harun-el-Raschid wurde am 10. Februar 1893 in Zscherndorf, unweit von Bitterfeld geboren. Ihr Mädchenname lautete Hildegard Cäcilie Schmidt. Sie heiratete 1924 erneut, wobei ihr Nachname mit Harun-el-Raschid Hintersatz angegeben wurde. Da Wilhelms amtliche Namensänderung erst für den Herbst 1920 dokumentiert ist, kann die Hochzeit also nicht vorher stattgefunden haben. Die Ehe kann aufgrund der nachfolgenden Ereignisse nicht länger als bis Mitte/Ende 1923 bestanden haben.

Wesentlich besser dokumentiert ist die Heirat, die am 11. Juni 1924 vor dem Standesamt in Berlin-Wilmersdorf geschlossen wurde. Der Major außer Dienst und Kaiserliche osmanische Oberst außer Dienst Johannes Robert Wilhelm Harun-el-Raschid Hintersatz ehelichte an diesem Tag und an diesem Ort die bereits zuvor einmal verheiratete Martha Frieda Kuwert, geborene Staats. Die Angetraute, ohne Beruf, stammte aus Schleusenau, Kreis Bromberg (später Okole, Polen) und ist zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alt (geb. 13. Januar 1895). Wilhelm ist 38.

Während die Braut als Zeugen mit einem "Vollziehungsbeamten" aufwartet, besitzt der Trauzeuge des Bräutigams scheinbar einen orientalischen Hintergrund.

Hohen-Neuendorf (Sommer 1927)

Ob es sich bei der Dame links auf dem oberen Foto um die zweite Frau Harun-el-Raschid handelt, ist ungewiss. Die Chancen stehen jedoch nicht schlecht, da ich mir ziemlich sicher bin, daß wir selbige auch in folgendem Film sehen...

Bei seinen häufigen Besuchen in Senftenberg läuft Wilhelm im Dezember 1932 einem Hobbyfilmer vor die Linse. Das das nicht ganz zufällig geschah, kann man daraus schlußfolgern, daß er, seine Begleiterin und der Hund zweimal hintereinander von unterschiedlichen Positionen aus in der Senftenberger Bahnhofstraße gefilmt wurden. In beiden Fällen ist er sich der Aufnahme bewußt, da er freundlich seinen Hut zum Gruße schwenkt. In der zweiten Sequenz wird er regelrecht durch den Mann an der Kamera, Edmund Grubann, seines Zeichens Mitherausgeber des "Senftenberger Anzeiger", verfolgt.

Und dann? Der Klassiker. Wilhelm lernt im Februar 1933 die 26 Jahre jüngere Milly Lindener kennen und verliebt sich scheinbar Hals-über-Kopf in die attraktive 20-jährige Berlinerin.

Milly Martha Luise Käthe Lindener
geboren am 25.09.1912 in Berlin-Lankwitz
Der Hund durfte (vorerst) bleiben, die Frau musste gehen...

Milly und Wilhelm
Kolberger Deep (Juli 1933)
Was Mutter und Vater Hintersatz, die ja mittlerweile so einiges von ihrem Sohn gewöhnt und selbst seit 48 Jahren miteinander verheiratet waren, über die neue Liebe ihres "Helmi" dachten, kann man sich vielleicht vorstellen.
Wilhelm kam sicherheitshalber erst einmal allein zum 79. Geburtstag des Vaters nach Senftenberg...

19. Januar 1934
Louise und Wilhelm Hintersatz am
79. Geburtstag des Oberpfarrers a.D.
Senftenberg (Januar 1934)
Während Wilhelm mit seiner Milly herumturtelt stehen in Senftenberg wichtige Veränderungen an... Louise und Wilhelm senior wechseln ein letztes Mal die Adresse. Mitte des Jahres 1934 steht der Umzug aus der Gartenstraße 31 in die Promenade Ost 2, die zu diesem Zeitpunkt bereits in Adolf-Hitler-Promenade 2 umbenannt worden war, an. Das neue Domizil ist in Senftenberg gut bekannt, beherbergte es doch in den 40 Jahren zuvor ein Fotoatelier unter wechselnden Namen. Den Anfang machte Hermann Meyer gefolgt von Rudolf Käding, nach dessen Tod Wilhelm Theinert die Räumlichkeiten übernahm.
5. Mai 1934 im rückwärtigen Teil der Gartenstraße 31.
Im Hintergrund sind die Rückfronten der Senftenberger
Bahnhofstraße zu erkennen.
Im ersten Stock dieses Haus bezog das betagte Ehepaar, nachdem es noch seinen 49. Hochzeitstag in der Gartenstraße 31 gefeiert hatte, eine kleine Wohnung.

Senftenberg, Adolf-Hitler-Promenade 2
Spätestens im August 1934 war der Umzug unter Dach und Fach. Die beiden lassen sich den Kaffee nunmehr mit direktem Blick auf eine der Haupverkehrsadern Senftenbergs schmecken...

21. August 1934
Ein in vielerlei Hinsicht turbulentes Jahr 1935 beginnt im Januar mit dem 80. Geburtstag des Vaters. Der "Senftenberger Anzeiger" rollt hierzu noch einmal kurz dessen Werdegang auf und liefert einige Details, die wir bereits kannten. Wartet aber auch mit neuen Informationen aus der Vita des Pfarrers a.D. auf, die dazu beitragen, die Geschichte zu vervollkommnen. Prinzipiell sind bislang die meisten Stationen seines Lebenswegs aus derartigen Zeitungsartikel rekonstruiert worden denn über eine umfassende Betrachtung seines Lebens ist bisher nichts bekannt.

19. Januar 1935
80. Geburtstag des Oberpfarrers a.D.
Senftenberger Anzeiger
(Januar 1935)
In Berlin werden derweil Nägel mit Köpfen gemacht.

Auf den Tag genau 2 Jahre nachdem sie sich kennenlernten, verloben sich Milly und Wilhelm.

Keiner aus Wilhelms Familie ist bei der kleinen Feier anwesend, die zwei Tage später stattfindet...

17. Februar 1935
Die Abwesenheit von irgendwelcher Senftenberger Verwandtschaft setzt sich auch am 3. Mai 1935 fort. An diesem Tag geht Wilhelm zum dritten Mal einen Bund der Ehe ein. Schauplatz der Hochzeit ist zunächst das Standesamt in Berlin-Lankwitz.

Standesamt Berlin-Lankwitz (3. Mai 1935)

Nach der standesamtlichen Trauung erfolgte noch eine sogenannte "Haustrauung". Die Zeremonie, die in den Räumen eines Berliner Restaurants abgehalten wurde, könnte teilweise oder ganz von muslimischem Charakter gewesen sein.

Muslimischer Geistlicher bei der Haustrauung?

Die Frischvermählten.
Wilhelm und Frau Harun-el-Raschid Nr.3

Auch in Senftenberg feierte man in jenen Maitagen eine Hochzeit... und zwar die goldene von Louise und Wilhelm senior. Die Lokalpresse gratuliert schon einmal vorsorglich:

Senftenberger Anzeiger (3. Mai 1935)

5. Mai 1935 - Goldene Hochzeit
Anfang Juni 1935 trifft sich die ganze Familie in Senftenberg, denn der Ort stellt den Ausgangspunkt einer Hochzeitsreise dar, bei der Wilhelm und Milly zunächst zwei Monate lang viele tausend Kilometer mit dem Auto und dem Schiff zurücklegen und an deren Ende das Ziel 5.240 Kilometer Luftlinie vom Startpunkt entfernt sein wird.

4. Juni 1935 - Start der Reise vor der Senftenberger Adolf-Hitler-Promenade 2
Wer die Person auf dem "Schwiegermuttersitz" war, ist derzeit unbekannt. Der Mann reiste mindestens bis Verona mit.

Am 4. Juni beginnt die große Fahrt im eigenen Auto, welche die beiden und ihr neuestes Haustier, eine große schwarze Dogge, zunächst an Wilhelms früheste "Wirkungsstätte" führt...

Von Senftenberg geht es direkt nach Pforta und von dort über die Rudelsburg und Jena nach Gernewitz. Am darauffolgenden Tag kämpft man sich über Nürnberg nach Roth vor um tags darauf Ingolstadt, München und Starnberg zu passieren und Unterkunft in Benediktbeuern zu nehmen. Von dort geht es via Mittenwald und Insbruck nach Vipiteno wo man sich bereits auf italienischem Hoheitsgebiet befindet.
Nach einer Nacht dort geht es direkt weiter vorbei am Gardasee nach Verona, der Stadt von Romeo und Julia. In dieser Region halten sich die zwei einige Zeit auf und starten Ausflüge nach Vicenza, Lido di Venezia und wie könnte es anders sein? Venedig! Am 12. Juni führt der Weg von Verona über Padua, Rovigo, Ferrara, Bologna nach Florenz. Schon am nächsten Tag geht die Reise weiter nach Rom, wobei man Siena und Viterbo passiert.


In Rom macht man bis zum 3. Juli Station und unternimmt von dort aus Ausflüge nach Lido di Ostia, an den Lago di Nemi, nach Frascati und Tivoli.
Am 4. Juli schließlich starten Wilhelm und Milly Richtung Neapel um dort ein Schiff zu besteigen und am Folgetag auf Sizilien zuzusteuern. Dort erreicht man am 6. Juli Syrakus.

Von Sizilien aus wagt man den Sprung auf den afrikanischen Kontinent. Am 10. Juli erreicht man über einen Zwischenstop in Alexandria Port Said, wo man von Bord geht. Das Privatauto war während der ganzen Reise dabei und ermöglichte es somit den beiden, unabhängig von lokalen Transportmitteln nach 200 Kilometern Kairo zu erreichen, wo man einige Tage verbringt und dabei Museen und die Pyramiden besichtigt. Am 16. Juli kehrt man nach Port Said zurück wo man sich auf den französischen Dampfer "Chenonceaux" begibt, um am Folgetag auszulaufen. Ziel: Djibouti.

Nach 6 Tagen Schiffsreise durch das Rote Meer erreicht man die Hafenstadt am Golf von Aden.

Nach einer Woche Aufenthalt geht es auf die vorerst letzte Etappe der Reise: Addis-Abeba, der Hauptstadt des damaligen Kaiserreichs Abessinien. Die Stadt wird am 30. Juli 1935 erreicht...

Addis-Abeba und das Abessinische Kaiserreich stehen am Vorabend einer italienischen Invasion, die als "Abessinienkrieg" oder "Zweiter Italienisch-Äthiopischer Krieg" in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Und Wilhelm Harun-el-Raschid Hintersatz Bey einmal mehr mittendrin...