In Senftenberg gab die hiesige Kirchengemeinde schon Anfang 1915 die Absicht kund, die alte Oberpfarre abzureißen und an derselben Stelle einen Neubau auszuführen. Man rechnete mit Kosten von 30.000 Mark. Die Stadtverordnetenversammlung bewilligte hierzu im November 1915 das sogenannte "Patronatsdrittel" in Höhe von 10.000 Mark.
Abriß und Neubau, der von Oberpfarrer Hintersatz überwacht wurde, zog sich über einen längeren Zeitraum hin und tangierte die Familie selbst irgendwann stärker.
Immerhin bewohnte man das abzureißende Haus und da das neue an mehr oder weniger derselben Stelle errichtet wurde, mußte man zwangsläufig für einen gewissen Zeitraum woanders unterkommen. Wo genau, ist aktuell nicht zu ermitteln.

Senftenberger Anzeiger (April 1916)
Das Areal der Oberpfarre auf einem Stadtplan aus dem Jahre 1910
Um die Mitte 1916 herum schritt man zur Tat. Bei dieser Gelegenheit wurde auch gleich noch das Nebenhaus (Kirchplatz Nr. 15) abgerissen. Das Geschehen um den Neubau der Oberpfarre hielt den Senftenberger Teil der Familie in Atem. Aber auch Wilhelm junior erlebte die ein oder andere einschneidende Wendung in seinem Leben...

Schwere Erfrierung meiner rechten Gesichtshälfte bei einem Sturmflug setzte April 1916 meiner fliegerischen Tätigkeit ein Ende. Nach meiner Wiederherstellung bis zur Garnisonsdienstfähigkeit übernahm ich noch die Führung der Fliegerschule Altenburg, bis im Herbst 1916 meine Kommandierung zur Dienstleistung bei St. Gen. Kdo. III. (3. Armeecorps) erfolgte. Meine dortige, das Ersatzwesen umfassende Tätigkeit, lag mir wenig. Ich griff daher mit Freuden zu, als sich mir Verbindung bot, zu dem damals deutscherseits unterstützten Finnischen "Büro Wetterhoff". Hier wurden damals alle Fäden gesponnen, die in Richtung der Befreiung Finnlands von Rußland gelegt wurden und an dieser Arbeit habe ich wesentlich mitgewirkt.
Hier bereitete ich die erste Organisation finnischer Freiwilliger vor, die später erfolgreich für die Befreiung Finnlands vom Russischen Reich eingesetzt wurden und die das Fundament bildeten, auf dem sich die heutige finnische Armee entwickelte.
In Anerkennung dessen wurde mir die höchste finnische Kriegsauszeichnung, das Kommandeurskreuz II. Klasse der Weißen Rose Finnlands mit Schwertern verliehen, was mich gleichzeitig zu einem finnischen Bürger "ehrenhalber" machte.
Die Verleihung des Ordens kann frühestens 1919 erfolgt sein, da die Auszeichnung erst am 28. Januar 1919 gestiftet und am 16. Mai 1919 mit Statuten versehen wurde.

Sie (die Arbeit mit den finnischen Freiwilligen) führte sehr bald in das Spiel der Politik. Ich wurde zu politischem Sondervortrag in das Große Hauptquartier befohlen. Dort aber hielt man damals die Zeit noch nicht für mich gekommen. Da andererseits ich keine Neigung hatte, mit ungewissen Aussichten im Innern zu weilen, bat ich, inzwischen wiederhergestellt, um feldmäßige Verwendung. Ich fand diese als Divisions-Adjutant im Stabe der neu aufgestellten 254. Infanterie-Division. In dieser Position lernte ich an drei unterschiedlichen Fronten den Stellungskrieg in allen Formen und allen Einzelheiten kennen (Sturmtrupp, Minenwerfer, Gaskrieg, Nachrichtendienst usw.)

In die Zeit bei der 254. Infanterie-Division fallen u.a. die Teilnahme an folgenden Kampfhandlungen:

  • Grenzschutz gegen Dänemark
  • Stellungskämpfe an der Yser
  • Frühjahrsschlacht bei Arras
  • Kämpfe vor der Siegfriedstellung
  • Stellungskämpfe an der Beresina, Olschanka und Krewljanka
  • Stellungskämpfe am Serwetsch
  • Im vierten Kriegsjahr erhielt Hauptmann Hintersatz weitere Auszeichnungen:
    Zum einen verlieh man ihm am 7. April 1917 den Herzoglich Sachsen-Ernestinischer Hausorden Ritterkreuz 1. Klasse mit Schwertern. Zu diesem Zeitpunkt besetzte er den Posten eines Adjutanten der 21. Landwehrdivision.
    Desweiteren erfolgte am 28. Juni 1917 die Verleihung des Hamburger Hanseatenkreuzes.

    Von dieser (Stellung bei der 254. Inf.Div.) wurde ich zu meiner Versetzung in das Kriegsministerium eingegeben, das für eine Sonderaufgabe einen entsprechend qualifizierten Offizier suchte.

    Im Zusammenhang mit der geplanten Versetzung Hintersatz' ins Kriegsministerium wurde wiederum ein "Qualifikationsbericht" durch seinen Vorgesetzten, den Divisions-Kommandeur Generalmajor Lepper, verfasst, der rechts im Wortlaut wiedergegeben ist.

    Elegante militärische Erscheinung, klarer scharf denkender Kopf, militärisch vortrefflich beanlagt, flotter und gewandter Reiter, heiterer Gesellschafter von besten Formen, beliebter Kamerad.

    Eignet sich besonders für das Kriegsministerium, da er ausser den erwähnten Eigenschaften ein selbstständiges Urteil besitzt, das er, wenn auch in bescheidener Form, auch seinen Vorgesetzten gegenüber zur Geltung zu bringen versteht.

    Arbeitet sich schnell auch in fremde Gebiete ein. Seine Vorbildung lässt ihn ebenfalls als besonders geeignet erscheinen. In Folge seines Kommandos zur Militchn. AKADEMIE besitzt er Kenntnisse in technischen Fragen, Waffenwesen und Ballistik, in Flug- und Motorenwesen noch ganz besonders, da er selbst FLUGZEUG-FÜHRER gewesen ist.

    Als DIVISIONS-ADJUTANT vorzüglich bewährt, gewandt im Vortrag. Dolmetscher im Französischen mit dem Prädikat "besonders geeignet". Füllt seine Stelle vortrefflich aus.

    Die Eingabe wurde jedoch durch allerhöchste Kabinettsordre durchkreuzt, die meine Kommandierung in die Türkei zwecks Verwendung dort als M.G.-Kommandeur einer Armee aussprach. Sie erfolgte aufgrund meiner Spezialschulung im M.G.-Wesen sowie meiner Sprachkenntnisse (auf der Militchn. Akad. habe ich die Dolmetscher-Prüfung in Französisch mit dem Prädikat "besonders geeignet" abgeschlossen; zudem verfügte ich bereits über Kenntnisse der türkischen und Anfangsgründe auch der arabischen Sprache).

    Ich wurde nunmehr als Kaiserl. Osman. Major in die Türkische Armee eingereiht und hatte das von anderen allgemein "gefürchtete" Glück, in den Stab Seiner Exzellenz des Marschalls Liman v. Sanders Pascha versetzt zu werden. Ergebnis: Marschall Liman v. Sanders Pascha ist mir ein wohlwollender Vorgesetzter und bis zu seinem Tode ein väterlicher Gönner gewesen.

    Fernab jeder Front ging das Leben in Senftenberg natürlich auch weiter. Irgendwie. Die Bevölkerung der Stadt kam zwar nur mittelbar mit dem Kriegsgeschehen in Kontakt doch das tägliche Leben barg viele Entbehrungen. Die Rationierung von Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs, das Einziehen so ziemlich aller Materialien, die sich irgendwie in kriegswichtige Ausrüstung verarbeiten liessen nahm teilweise extreme Ausmaße an.
    Rückblickend wirkt dies zuweilen kurios, doch der Bevölkerung war damals sicher nicht zum Lachen zumute.
    Oberpfarrer Hintersatz sammelte Spenden für U-Boote, Kriegsbeschädigte Kolonialkrieger und wofür in dieser Zeit alles noch Geld- und Sachspenden gefordert wurden. Für seinen diesbezüglichen Einsatz erhielt er im April 1918 das Verdienstkreuz für Kriegshilfe.

    Senftenberger Anzeiger (April 1918)
    Bei einer Sache sperrte er sich aber! Als es daran ging, im Rahmen der "Metallspenden" auch Kirchenglocken zu beschlagnahmen, intervenierte er erfolgreich. Es gelang ihm, die drei bronzenen Glocken der Senftenberger Deutschen Kirche vor der Herausgabe und Verschrottung zu bewahren.
    Das Foto links, welches auf 1917 datiert wurde, legt nahe, daß die Bautätigkeiten rund um den Abriß und den Neubau der Oberpfarre spätestens in jenem Jahr abgeschlossen waren.
    Wir sehen Oberpfarrer Hintersatz mit Frau Louise und Tochter Johanna inklusive Haustieren im Vorgarten der neuen Oberpfarre.

    Der September 1917 gilt als der Zeitpunkt, an dem Hauptmann Wilhelm Hintersatz in die Türkei abkommandiert wurde. Beim Übergang in die osmanischen Armee erfolgte für alle deutschen Offiziere automatisch die Beförderung in den nächst höheren Dienstgrad, womit er umgehend in den Rang eines Majors aufstieg.
    Dieses Datum ist nicht ganz unerheblich für die Beurteilung Wilhelm Hintersatz'. Er wird nämlich zuweilen verdächtigt, beim Genozid der Türken am armenischen Volk aktiv mitgewirkt zu haben. Aufgrund der zeitlichen Abfolge kann dies jedoch unmöglich der Fall gewesen sein, denn die militärischen Aktionen der Türken, die zum Tode einer auch heute noch unbekannten Zahl an Armeniern (Schätzungen variieren zwischen 300.000 und 1,5 Millionen) führten, fanden im Wesentlichen in den Jahren 1915 und 1916 statt. Außerdem stand er zu Beginn unter dem Befehl von Liman von Sanders, der bekanntermaßen ein vehementer Gegner des mörderischen Vorgehens gegen die Armenier war.

    Rasch wurde Hintersatz jedoch zum General-Inspekteur des gesamten Maschinengewehr-Wesens der türkischen Armee und zugleich zum Abteilungschef im Großen Hauptquartier (19. Abteilung) befördert

    Damit ging die erste und gesamte Organisation des Maschinengewehrwesens in der Türkei in meine verantwortlichen Hände über.

    Ende September 1918 erhielt die Leserschaft des Senftenberger Anzeiger Kunde von einer eher exotisch anmutenden Ordensverleihung an ein Kind ihrer Stadt... nämlich der der Kaiserl. Osmanische silberne Liakat-Medaille mit Schwertern:

    Senftenberger Anzeiger (24. September 1918)

    Die Verleihung der Liakat-Medaille reiht sich nahtlos in eine ganze Kette von Auszeichnungen ein, die Wilhelm Hintersatz zwischen Ende 1917 und Ende 1918 erhielt. Aufgrund welcher Verdienste dies jeweils geschah, ist im Einzelfall aktuell nicht ermittelbar.

  • 24. Dezember 1917 - Türkischer Eiserner Halbmond
  • 11. Mai 1918 - Verwundetenabzeichen in schwarz
  • 20. Mai 1918 - Österreich-ungarisches Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit Kriegsdekoration
  • 14. Juni 1918 - Kriegsverdienstkreuz Lippe-Detmold
  • In der Stellung des General-Inspekteur des gesamten M.G.-Wesens verantwortete Major Hintersatz die Neugliederung der Maschinengewehr-Formationen, die Vereinheitlichung der Waffen hinsichtlich Modell, Kaliber und Munition, sowie die Untersuchung und Optimierung der Transportmittel für Maschinengewehre. Desweiteren wurde eine Reserve von 800 deutschen und 200 russischen Maschinengewehren im Hauptdepot aufgebaut, sämtliche wichtigen schweren Batterien wurden mit Waffen zur Verteidigung gegen Nah- und Fliegerangriff ausgestattet und schließlich konnten die Fliegerabwehr in Konstantinopel und wichtige Punkte, Kunstbauten, Depots usw. beträchtlich verstärkt werden. Durch die Maschinengewehr-Generalinspektion wurde dafür gesorgt dass allen etwa eintretenden kritischen Lagen mit voller Ruhe entgegengesehen werden konnte. Schließlich baute die Maschinengewehr-Generalinspektion bereits auch der künftigen FRIEDENS-ORGANISATION vor, indem sie ZWECKMÄSSIGE Grundlagen für die DEMOBILMACHUNG, zugleich für die Friedens-Organisation der Maschinengewehr-Waffe verfasste.

    Soweit eine stark geraffte Zusammenfassung der Aufgaben und Verdienste der General-Inspektion des türkischen Maschinengewehrwesens, die einem Leistungsbericht entnommen ist, den Hintersatz zum 17. Oktober 1918 auf Befehl des Chefs des Generalstabes einreichte.

    Besagtes Schreiben ist übrigens mit "gez. Harun - el - Raschid Bey" signiert, was uns nunmehr zu einem sehr wichtigen Ereignis im Leben Wilhelms bringt...