Senftenberg, Niederlausitz, Deutschland...

Mein Heimatort ist nicht unbedingt für berühmte Söhne oder Töchter der Stadt bekannt.
Das war Senftenberg nie und wird es nach aller Voraussicht auch nie werden.
Hier geborene, oder zumindest aufgewachsene Künstler, Sportler oder Wissenschaftler, an deren Schaffen auch noch über deren Glanzzeiten oder gar über den Tod hinaus, mehr als ein lokal begrenztes Interesse besteht, fallen mir nicht ein.
Zwar arbeitete am hiesigen Theater eine Vielzahl von Schauspielern, die nach ihren Senftenberger Zeiten zur 1. Garde der DDR-Schauspieler aufstiegen und sogar international, wie beispielsweise Armin Müller-Stahl, erfolgreich waren. In aller Regel stammten die Künstler jedoch nicht aus meiner Stadt.

Misst man "Berühmtheit" daran, in welchem Maße ein weltweit verteiltes Interesse an einem "Senftenberger Kind" besteht, kommt man zu dem Schluss, dass hier eine Person an vorderer Stelle steht, von der 99,9% der Senftenberger noch nie etwas gehört oder gelesen haben dürften, nämlich ...

Wilhelm Hintersatz

alias

Harun-el-Raschid Bey

Ich gebe zu, dass auch ich lange Zeit zu diesem hohen Prozentsatz der „Nichtwissenden“ gehörte. Während meiner nunmehr schon 10 Jahre andauernden Forschung in Sachen Senftenberger Heimatgeschichte kam nur in wenigen Unterhaltungen das Gespräch auf die Person Harun-el-Raschid Bey. In meiner Erinnerung war das Thema dabei entweder negativ konnotiert oder es wurde eine Aura von „verschwörerischem Geheimwissen“ verbreitet. Außerdem war die Informationslage in Senftenberg alles andere als umfangreich.
Unter diesen Voraussetzungen entwickelte sich bei mir zunächst kein tieferes Interesse an der Geschichte.

Rückblickend ist festzuhalten, dass das oben angedeutete „internationale“ Interesse bislang mit sehr lückenhaften oder gar falschen Daten operierte. Dieses Halbwissen beflügelte zu einem Gutteil auch die Mythenbildung, die man in diesem Fall beobachten kann und die so vielleicht auch nach Senftenberg zurückschlug.

Woher rührt nun das weltweit verteilte Interesse an der Person Wilhelm Hintersatz/Harun-el-Raschid Bey?

Nach meinem Dafürhalten wird dies in erster Linie durch seine Funktion als Kommandeur des Osttürkischen Verbandes der Waffen-SS ab Ende 1944, einer militärischen Abteilung, in der vorrangig Muslime (Turkestaner, Wolga- und Uraltartaren, Krimtürken, Aserbeidschaner usw.) auf Seiten der Deutschen kämpften, ausgelöst.
Die Epoche 1933 bis 1945 übt auch 75 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs für viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen eine gewisse Faszination aus. Dies spiegelt sich schon allein in der Tatsache wider, dass kein Tag vergeht, ohne dass auf irgendeinem Fernsehsender eine Dokumentation zu dieser dunklen Zeit der vornehmlich deutschen Geschichte gesendet wird. Es existieren unzählige Publikationen zu jedem noch so kleinen Aspekt jener 12 Jahre.
Auch die Verbindung Nationalsozialismus – Islam, die beispielsweise zur Rekrutierung von „mohammedanischen“ Kämpfern und deren Eingliederung in deutsche Kampfverbände führte, wurde dabei dokumentiert. Im Vergleich zu anderen Mosaiksteinen der Historie jedoch in einem geringeren Maße.
Deshalb versetzt dieser Fakt unbedarfte Zeitgenossen zuweilen in Erstaunen, zumal eine vornehmlich „rechts“ verortete Islamfeindlichkeit so gar nicht in das vorherrschende Bild zu passen scheint.
Damit erklärt sich auch das besondere Interesse das in der muslimischen Welt, die zuweilen einen „entspannteren“ Blick auf die Weltgeschichte an den Tag legt, zu diesem Thema besteht.

Die Stellung Harun-el-Raschid Beys als Kommandeur des oben genannten SS-Verbandes hat zwar nicht zwingend mit dem Ablegen seines ursprünglichen Namens zu tun, es beflügelte jedoch die Mythenbildung ungemein. Hinzu kam, dass neben einer kurzen Filmsequenz in der Funktion eben jenes Kommandeurs, bis dato nur ein einziges Foto von ihm öffentlich verfügbar war. Dass dieses zu allem Überfluss Bestandteil einer Akte war, die im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten Equadors ("Setzten sich damals nicht viele Naziverbrecher nach Süd- und Mittelamerika ab?") gefunden wurde, verstärkte die Legendenbildung nochmals.

Nicht viel mehr war bislang bekannt und verschiedene Leute versuchten aus unterschiedlichen Beweggründen etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Mit den üblichen Irrungen und Wirrungen. Immerhin brachte man es so zu einem Wikipedia-Eintrag zu seiner Person, der zumindest keine groben Fehler enthält.

All das war mir, wie oben angedeutet, bis vor kurzem ziemlich egal...

Bis zu jenem Tag, an dem mir nach einer ganzen Reihe von Zufällen, die ich hier nicht weiter erörtern möchte, Material in Aussicht gestellt wurde, das meine Senftenberger Heimatforschung unterstützen könnte. Dabei zog mich im ersten Moment nur das Bildmaterial mit deutlich erkennbarem Senftenberg-Anteil in Bann. Wie schon bei einigen früheren Gelegenheiten erfasste mich jedoch relativ schnell das Fieber und ich wollte alles wissen. Die ganze Geschichte! Ich begann zu recherchieren und förderte einiges an zusätzlichen Informationen zutage, die helfen das Bild zu vervollständigen.

Mittlerweile wurde mir ein vergleichsweise riesiges Materialkonvolut zur Verfügung gestellt, auf dessen Basis nicht nur die Lebensgeschichte Harun-el-Raschid Beys erzählt und vor allem illustriert werden kann. Nein, auch die Geschichte seiner Senftenberger Familie lässt sich anhand der übergebenen Dokumente recht komfortabel dokumentieren.
Letzteres ist mir aufgrund meiner Hauptstoßrichtung, der Senftenberger Heimatgeschichte, natürlich ein besonderes Bedürfnis und sollte beileibe nicht als Abfallprodukt des „Harun-Projektes“ gesehen werden.
Vielmehr möchte ich auf den hier angelegten Seiten den Versuch unternehmen, die Geschichte der Familie Hintersatz darzustellen, wobei die Vita Wilhelms/Harun-el-Raschid Beys den Löwenanteil einnimmt. Einfach weil sein Werdegang von allen Familienmitgliedern der bunteste war.

Das Projekt ist zum jetzigen Zeitpunkt noch im Aufbau begriffen, wobei ich mich dafür entschieden habe, bereits Teilinformation öffentlich zu machen. Möglicherweise fühlt sich dadurch der eine oder andere angesprochen, selbst einen Beitrag zu leisten. Mir ist bewusst, dass die Chancen dafür nicht sehr gut stehen und es relativ unwahrscheinlich ist, dass jemand noch weitere Quellen eröffnet. Nach den bisherigen Überraschungen in diesem Projekt würde ich dies aber auch nicht kategorisch ausschließen.

Zu guter Letzt möchte ich mich bei den Personen bedanken, die bisher einen Beitrag zur Realisierung geleistet haben:

An erster Stelle danke ich R.K., ohne dessen Zutun dieses Projekt nicht existieren würde und der mir seinen riesigen Informationsschatz unkompliziert zur Verfügung stellte.

Familie Grasshoff aus Senftenberg für Material und Anekdoten.

Harald Gleisner für Recherchen.

Ines Jahn (Stadtarchiv Senftenberg) für Recherchen und Dokumente.

Marlies Kosel (Archiv im Amt Ruhland) für Recherchen und Dokumente.

Familie Mogwitz aus Senftenberg für Material und Anekdoten.

Außerdem bedanke ich mich bei zahllosen und unbekannten Personen, die historische Sachverhalte erforschen und im Internet publizieren. Diese helfen mir, bestimmte zeitliche und personelle Einordnungen und Zusammenhänge darzustellen.

Matthias Gleisner
(Oktober 2020)